Im Bezug auf die Freundschaften, an die mich mein Herz mit jedem einzelnen, stetig sich beschleunigenden Pochen auf dem Weg zum ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2010 intensiver erinnert, kann ich das nicht sagen: Obwohl ich zeitlich in etwa einordnen kann, wann wir alle aufeinandergeprallt sind, habe ich keine Bilder bestimmter Momente, die sich nach kennenlernen anfühlen, keine Erinnerung an vorstellenden Small-Talk – im Grunde nicht einmal daran, wie wir zusammenwuchsen und im Lärm des uns umgebenden Lebens feststellten, wie sehr unsere persönlichen Melodien einander glichen.
Alles was ich sagen kann ist, irgendwann war es da: dieses unbeschwerte Gefühl von Zusammengehörigkeit im Bauch der Gruppe. Die süße Gewissheit, dass diese große, tiefe Freundschaft außergewöhnlich war und wir sie dennoch als selbstverständlich begreifen durften. Und die beruhigende Sicherheit, künftig ein Zuhause zu haben an jedem Ort, der einem von uns je Heimat würde; dabei ist es geblieben.
Wir waren zehn und wir waren zwölf, wir waren elf und wir waren dreizehn. Frauen und Männer stießen zur Gruppe dazu, weil die Liebe zu einem von uns sie in unsere Mitte spülte – und verschwanden wieder, mal begleitet von Bedauern, mal von Erleichterung. Im tiefen, festen Kern aber sind wir acht plus zwei Halbe geblieben, somit quasi neun (zugleich die fest geglaubte Glückszahl von mindestens Zweien aus unserer Mitte, deshalb umso passender) – und der Sommer 2006 war unser Sommer, unser wochenlanger Höhepunkt, unser Hitzefrei von der Verantwortung des Lebens.
Woche um Woche, Tag um Tag, rückte dabei das große Fußballfest näher – und so sehr uns die Zugehörigkeit zu Bundesligavereinen trennte, einte uns die Liebe zu diesem Sport. So flogen unzählige Mails wie sanft getretene Pässe zwischen uns, ließen wir uns ein auf die Vorfreude und Begeisterung und waren verschworen in der Begeisterung über die WM. Vor dem ersten Spiel saßen wir Sandwich kauend und Herzschläge zählend beieinander, bewegten uns schließlich, die Fahnen noch deutlich ungelenk in den Händen und über den Schultern, zum ersten gemeinsamen Leinwand-starren und fielen uns atemlos und ungläubig in die Arme, als Philipp Lahm in der Hitze eines Sommernachmittages das erste Tor der WM schoss. Alles war Taumel, Staunen und Freude, wir waren alle und alles war gut.
Denke ich an den WM-Sommer 2006, erinnere ich die Hitze, die uns tagsüber die Haut verbrannte und mit dem Einbruch der Dunkelheit die Sommernächte lau färbte. Ich denke an S-Bahnfahrten zu umspannenderen Leinwänden in größeren Städten, an Sonne, die sich in Rhein und Main bricht oder unseren Brillen spiegelt. Ich erinnere Musik, die jede Straße zu erfüllen schien, schimmernde Becks-Flaschen, von denen wir zu Unzeiten die Korken ploppen ließen, Begegnungen mit Fans aus aller Welt. Mein Herz genießt den Rückblick auf meine Stadt im Ausnahmezustand, auf Fußballabende in großen, über Ecken verbandelten Gruppen, die zusammenwuchsen an diesem Ereignis. Ich denke an überraschende, stille Momente, erinnere mich an ungezählte Beine, die beim erlösenden Tor im Spiel gegen Polen beinahe synchron vor dem Sofa ins Spalier springen, an Umarmungen, heimlich getauschte Küsse, begeisterte nächtliche Züge durch die niemals ruhende Stadt und eine Euphorie, die alles andere anhielt, für einen langen, unvergesslichen Moment.
Vor allem aber denke ich an siebeneinhalb-einhalb Menschen, die mein Leben verändert haben; denen ich so viel zu verdanken habe; mit denen mich Freundschaften verbinden, die in ihrer Intensität ebenso wie ihrem Charakter unfassbar verschieden sind – doch von denen ich keine je missen möchte; an denen mein Herz wachsen durfte und meine Seele sich anlehnen.
Daran werde ich denken, und darum werde ich hüpfen, bei jedem „unserer“ Tore in den kommenden Wochen. Damit es die Jogi-Elf ins Finale schafft – und meine persönliche neuneinhalb aus diesem Anlass vor eine Leinwand. Noch vor dem Herbsttreffen, das hoffentlich so unvermeidlich ist wie in den letzten Jahren; das wünsche ich mir. Immerhin – der Name verpflichtet. Und ich bin nicht umsonst die Nostalgiebeauftragte.
Vor allem aber denke ich an siebeneinhalb-einhalb Menschen, die mein Leben verändert haben; denen ich so viel zu verdanken habe; mit denen mich Freundschaften verbinden, die in ihrer Intensität ebenso wie ihrem Charakter unfassbar verschieden sind – doch von denen ich keine je missen möchte; an denen mein Herz wachsen durfte und meine Seele sich anlehnen.
Daran werde ich denken, und darum werde ich hüpfen, bei jedem „unserer“ Tore in den kommenden Wochen. Damit es die Jogi-Elf ins Finale schafft – und meine persönliche neuneinhalb aus diesem Anlass vor eine Leinwand. Noch vor dem Herbsttreffen, das hoffentlich so unvermeidlich ist wie in den letzten Jahren; das wünsche ich mir. Immerhin – der Name verpflichtet. Und ich bin nicht umsonst die Nostalgiebeauftragte.
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