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Dienstag, 8. Juni 2010

Kastanien sammeln


Schön sah sie aus, wie sie so da lag. Ihr Gesicht wirkte jünger, als die gelebten Jahre dies hätten bestätigen können – und selbst mit dem Schrecken, der sich darein vermischt hatte, spiegelten ihre Augen etwas Sanftes wider, das aus den Tiefen ihrer Seele emporgestiegen schien. Nur ihr Hals war seltsam verdreht, doch er nahm es nicht wahr, war zu gefangen von ihren Augen, die ihm ihre Geschichte offenbaren wollten.

In einer lauten Welt war sie ganz leise; und wurde doch niemals übersehen. Obwohl sie durch die Menschen wie hindurchzugleiten schien, auf ihren täglichen Wegen durch die Städte im Bauch dieser Erde, nahmen die sie doch wahr. Vielleicht nicht bewusst, als Person, Mensch der sie war, wohl aber als ein Gefühl, einen Schatten in ihren Köpfen, wie von einem herabschwebenden Blatt im Herbst ihrer Leben; so blieb sie doch niemals unerkannt.

Kinder hatten eine seltsame Faszination mit ihr. Mag sein, sie ließen in ihrer frischen Unschuld dieses Gefühl, wie von einem fallenden Blatt, aus den Köpfen in ihre Herzen wandern, schnell und heftig, als werde es von einem Magneten angesaugt. Dort unten hämmerte und schlug es dann schneller für einige Momente, und das heftig pulsierende Blut jagte ihnen bizzelige Schauer bis in die Kuppen ihrer kleinen Finger.

Das Lächeln, welches sie der Welt schenkte, war vor Jahren zahnlos geworden. Und doch wäre dieses Wort nie gefallen, bei einer Beschreibung ihrer Person. Das hatte sie sicher ihren Augen zu verdanken, in denen so viel Leben nach Verheißung schrie, dass man von nichts anderem sprechen wollte, wenn man von einer der raren Begegnungen mit ihr berichten konnte.

Im Herbst lief sie umher und sammelte Kastanien. Die schimmernden, schönsten ließ sie liegen und griff stattdessen nur nach solchen, die angegriffen waren und verdellt; mit denen stopfte sie ihre Taschen, die so dick wurden wie die Backen eines Hamsters. Und es blieben, bis zum nächsten Herbst, weil sie für jedes Leeren die Taschen wieder neu auffüllte.

Wohin sie ihre Beute trug wusste niemand zu sagen, weil kein Mensch je Zeuge geworden war, ob sie dereinst verschwand in den Hauseingängen der Städte, die sie durchstreunte. Nur in die Wälder hatte man sie schon entschwinden sehen, aber keine Höhle gefunden und kein geheimes Versteck.

Alte hatten eine seltsame Faszination mit ihr. Mag sein, sie ließen in ihrer wiederkehrenden Unschuld dieses Gefühl, wie von einem fallenden Blatt, aus den Köpfen in ihre Herzen wandern, schnell und heftig, als werde es von einem Magneten angesaugt. Dort unten hämmerte und schlug es dann schneller für einige Momente, und das heftig pulsierende Blut jagte ihnen bizzelige Schauer bis in die Kuppen ihrer schrumpeligen Finger.

Schön sah es aus, wie sie so da lag, nur ihr Hals war ein wenig seltsam verdreht, das nahm er jetzt wahr, obgleich ihm das seltsam erschien – denn verdreht im Bezug wozu? Er hatte keine Ahnung, wie ihr Kopf hier auf seinem Schreibtisch im Revier 13 gelandet war. Er wusste nur, dass ihre Augen ihn nicht loslassen würden, bis er den Rumpf gefunden hätte, mit den Taschen voller Kastanien.

*



Freitag, 19. März 2010

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein

Beim ersten Mal ist er kaum älter als zwei. Die Sonne scheint, über dem Grab summen Bienen und ich kaue meine Unterlippe, als der Zwerg unvermittelt sagt: „Wo ist der Opa Jürgen jetzt?“ Dabei schaut er mit seinen großen, blauen Augen fragend zu mir herauf – und mein Herz verpasst einen Schlag beim Anblick dieses großartigen Kindes, das mein Paps nicht mehr kennenlernen durfte. „Im Himmel“, antworte ich mit einem Lächeln, hebe den Kleinen hoch und deute in die fliehenden Sommerwolken. Er nimmt die Neuigkeit interessiert auf, und als wir den Friedhof später verlassen legt er den Kopf in den Nacken, formt mit den Händen einen Trichter und ruft laut und fröhlich ins weltumspannende Blau: „Tschüß, Opa Jürgen.“

~~~

Bis er mich wieder darauf anspricht, vergeht einige Zeit. Eines Abends im Spätherbst, als wir mit seinem Einrad die Straße hinauflaufen, bevor der Zwerg sie erneut hinunterflitzen kann, schiebt sich seine kleine Hand in meine und er bleibt plötzlich stehen. Die Dämmerung taucht den Abend in dunkle Grautöne, über uns funkeln die ersten Sterne. „Ist der Opa Jürgen wirklich im Himmel?“, fragt der Kleine, und ohne Zögern antwortet ich, „na klar“. Doch er läuft darauf nicht weiter, zupft stattdessen unentschlossen an meiner Hand und will wissen: „Nicht in der Erde?“ Ich gehe zu ihm in die Hocke, fasse seine zweite Hand und frage, wie er darauf kommt. „Hat mir jemand erzählt“, sagt er unbestimmt. Ich überlege kurz, bevor ich sage: „Wenn ein Mensch stirbt, wird er auf dem Friedhof beerdigt. Das ist da, wo wir den Opa Jürgen besuchen. Aber er bleibt nicht in der Erde, sondern kommt in den Himmel, zum lieben Gott.“ „Auf eine Wolke?“, hakt er nach; ich nicke: „Genau.“ Da schlingt der kleine Mann seine Arme um meinen Hals und ich halte ihn fest; über uns ist der Abendhimmel inzwischen dunkel geworden.

~~~

Am nächsten Morgen beim Frühstück, während er nach der Brötchenhälfte greift, die seine Mama geschmiert hat, fragt der Zwerg mich: „Und wie hat der Opa Jürgen den Himmel gefunden?“ Meine Schwester hält kurz in ihrer Bewegung inne, ich suche ihren Blick, sie nickt mir zu: Mach du das. So viele Fragen, die zu drängend sind, als dass die Antwort darauf Zeit hätte… „Ein Engel hat ihm den Weg gezeigt“, sage ich schließlich, verwundert darüber, wie das Thema die ganze Nacht in seinem Kopf überlebt hat und er nun daran anknüpft, als hätten wir den losen Faden gerade erst entwischen lassen. Wie der Engel aussah, will mein Neffe wissen: „Das weiß ich nicht. Ich habe ihn nicht gesehen, nur der Opa.“ „Warum?“ „Den Engel kann man nur sehen, wenn man tot ist.“ Er nickt, bedächtig. „Und dann?“ „Der Engel hat den Opa Jürgen an der Hand genommen und in den Himmel gebracht.“

~~~

„Ist es okay, wenn wir den Opa Jürgen besuchen, bevor wir auf den Spielplatz gehen?“ Ich schaue im Rückspiegel nach dem lollieverschmierten kleinen Jungen, der konzentriert in seinem neuen Laura-Büchlein blättert. Wir kommen gerade aus dem Tierpark und ich meine die Frage ernst, weil ich ihn nicht mitnehmen mag auf den Friedhof, wenn er das nicht möchte. Er schaut auf, überlegt und sagt: „Kurz.“ Wenig später halten wir beim Friedhofsgärtner. Der Anblick der Frühlingsblumen versetzt mir einen Stich – wie damals, auf dem Sarg. Der Kleine hüpft und schlägt Blume für Blume vor, findet jede wunderschön und möchte am liebsten einen riesigen Strauß mit allen; schließlich nehmen wir gelbe Tulpen. Als wir den Friedhof betreten erkläre ich ihm, dass sein Opa in ein paar Tagen Geburtstag hat. „Bringen wir ihm da Kuchen?“, fragt er neugierig, und ich muss lachen. „Nein, den kann er ja nicht essen. Aber er freut sich über unsere Blumen“ – und gemeinsam legen wir sie auf der feuchten Erde ab.

Mit der Fußspitze wühlt mein Neffe sich in den Boden des Grabes, der locker nachgibt. „Gell, der Opa Jürgen ist im Himmel?“, fragt er. Ich nicke, setze mich auf den Rand des Grabs und der Zwerg will wissen, wieso wir ihn dann immer hier besuchen. Kaum ist die Frage gestellt schaut er unwillig und verkündet im Protestton: „Mir ist kalt!“ Ich öffne meinen Mantel, er setzt sich auf meinen Schoß und kuschelt sich in den warmen Stoff, den ich über ihm schließe. Sein süßer Kinderatem bläst gegen meinen Hals, ich überlege. Schließlich steckt er seinen Kopf aus dem Mantel und sieht mich fragend an. „Kannst du dich an den Engel erinnern, der den Opa Jürgen in den Himmel geführt hat?“ Er nickt. Ich hole tief Luft. „Der hat ihn hier abgeholt. Als dein Opa gestorben ist, ist er hier in die Erde gelegt worden. Sein Körper.“ Ich hänge, der Zwerg wiegt den Kopf und schlägt vor, dass wir nachschauen, ob er noch da ist. Oder ein Loch buddeln, damit er sieht, dass wir da sind. Mein Herz sticht, ich schüttle den Kopf.

„Wir brauchen ihm kein Loch zu buddeln“, setze ich an. „Er sieht uns auch so, weil er ja im Himmel ist.“ Der Kleine schaut aufmerksam an mir vorbei in die Wolken und nickt. „Aber obwohl der Engel ihn abgeholt hat, bleibt etwas von ihm im Grab. Eine Hülle. Ein bisschen so wie Kleider. „Kann man das angucken?“, fragt der Zwerg und ich schüttle wieder den Kopf. „Nein, das ist schon so lange in der Erde, dass es auch Erde geworden ist.“ Er überlegt, streckt einen Arm aus dem Mantel und bohrt den Finger in den feuchten Boden. „Und was ist im Himmel?“ „Alles, was deinen Opa ausgemacht hat“, sage ich und greife nach seinem Finger. Die kleine Kinderhand in meiner großen klopfe ich sanft gegen seine Brust. „Sein Herz“, gegen seinen Kopf, „seine Gedanken“, und wieder die Brust, „seine Liebe“. Der kleine Mann kuschelt sich fest an mich.

„Kann ich mit ihm reden?“ Ich schlucke. „Na klar. Du kannst ihm erzählen, dass wir heute im Tierpark waren. Dass wir seine Kamera dabei hatten. Wie es deiner Schwester geht. Was du willst.“ „Aber wie hört er mich?“, will der Zwerg wissen. „Er hört dich, weil er dich lieb hat. Egal wo du bist. Du kannst nicht nur hier mit ihm reden, sondern überall.“ Da dreht der Zwerg sich im Mantel zu mir und fragt mit großen Augen: „Auch an seinem Geburtstag?“ Ich nicke: „Auch dann, ja.“ Ernst schweift sein Blick zwischen Himmel und Grab, er überlegt. Plötzlich erhellt ein Strahlen sein Gesicht, und während er mich fest umarmt sagt er erleichtert: „Das ist gut!“ Und ich drücke ihn an mich, atme den Duft von Lollies und Kindershampoo und sage ebenso erleichtert: „Ja, das ist gut.“



[Titel: Rudolf Otto Wiemer]

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Samstag, 13. März 2010

Prinzessin im Engelsreich

Familie, das sind die Menschen, die einem das Leben vom ersten Tag an schenkt. Nicht mit jedem dieser geschenkten Menschen findet man seinen Weg oder entwickelt man die Beziehung, um die man gehofft hatte – und manche der Geschenke würde man über kurz oder lang gerne zurückgeben. Doch auch das ist nicht leicht, Familie, das ist Blut, das ist Verantwortung. Familie ist immer da, auch wenn man wegschaut, mit den Augen, mit dem Herzen. Freunde, das sind Menschen, die das Leben uns finden lässt. Oder von denen wir gefunden werden.

Freunde erkennt man nicht immer auf den ersten Blick, manche werden erst mit der Zeit wertvoll für unser Leben, und die Beziehung zum einen oder anderen braucht eine kleine Ewigkeit, um sich zu entfalten. Dann aber ist sie auf eine ganz einzigartige Weise wertvoll, weil wir uns frei für sie entschieden haben, in einem mehr oder weniger bewussten Moment, weil wir diesen Menschen wollen, in unserem Leben, als ein Teil davon.

Denke ich an Freundschaft, dann denke ich an dich. Denke ich daran, was das Leben mir geschenkt hat, dann denke ich an dich. Denke ich darüber nach, was ich richtig gut hinbekommen habe, was ich immer wieder genau so tun würde, dann denke ich an dich. Im Sommer werden es sieben [elf] Jahre du und ich. Kannst du dir das vorstellen? Es scheint als hätten unsere beiden Leben sich in dieser Zeit dreimal komplett um sich selbst gedreht, kaum etwas, das sich nicht verändert hat. Und immer warst du da, wenn mein Leben sich drehte und ich, wenn deines eine unerwartete Wendung nahm.

Männer sind gekommen, geblieben und gegangen, wir haben die andere verliebt gesehen, verlobt und im Liebeskummer versoffen. Jobs sind gekommen, haben wir geflüchtet und umarmt in dieser Zeit, und uns gegenseitig den Stress aus den Hemden gebügelt. Urlaube haben uns für Wochen getrennt oder an einem Fleck der Welt zusammen gesteckt – und beides war mal seltsam schrecklich und dann wieder wunderbar.

Unsere Familien haben sich verändert, Krankheiten haben ihre Schatten geworfen, der Tod seine unerbittlichen, scharfen Krallen ausgefahren. Du hast dich verändert, ich mich, wir uns, mal miteinander, mal aneinander vorbei. Manchmal war es so federleicht, dass wir nicht anders konnten als tanzen, manchmal haben die Tränen uns salzige Vorhänge durch die Tage mit- und ohneeinander gezogen. Es hat Streit gegeben, Tränen, Missverständnisse und Wut. Es hat Aussprachen gegeben, Versöhnungen, Lachen und Freude. Es hat immer wieder dich gegeben und immer wieder mich. Und es wird immer wieder dich geben und immer wieder mich. Diese Gewissheit habe ich mir schon an unserem ersten gemeinsamen Tag mit Großbuchstaben tief unten in mein Herz tätowiert.

Und darauf freue ich mich. Auf jede Sekunde, jedes Wort, jeden Streit, jede Umarmung, jedes Lachen, jeden Trost. Ich freue mich darauf, da zu sein, darauf, dass du da sein wirst. Freue mich auf albern sein, streng sein, auf gackern, auf lästern und dabei immer die richtigen Worte finden, auf feiern und Bierchen am Rhein. Auf streiten, sich Sorgen machen, sich für die Andere freuen, auf loben, stolz sein, Kopf schütteln und schimpfen. Auf heulen an deiner Schulter, deine Tränen in meinem Arm, auf neuen Kummer, Herausforderungen, neue Siege auf ganzer Linie.

Immer wieder du, immer wieder ich. Und irgendwann dann, die Hollywoodschaukel, der Marillenschnaps, Falten geworfen. Du Beste, du Prinzessin, du DU!



[Juni 2006] 

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Dienstag, 16. Februar 2010

Bob Dylan bei Vollmond

Sie war immer der Meinung gewesen, der Mann im Mond sähe ein wenig aus wie Bob Dylan. Obwohl sich das auf die Entfernung natürlich schwer sagen ließ. Jetzt saß er direkt neben ihr auf der Bettkante und sie stellte fest, dass sie mit ihrer Vermutung Recht gehabt hatte: Er sah wirklich ein wenig aus wie Bob Dylan. Und blass – er war so blass, dass es ihr fast unheimlich war; sie war sich nicht sicher, ob es nicht sogar möglich sein musste, durch ihn hindurch zu sehen. Aber die Entfernung zwischen der blassen, schmalen Gestalt und sich selbst noch weiter zu verkürzen, um es auszutesten, das wäre ihr unhöflich vorgekommen – also saß sie bewegungslos da und lauschte ins Dunkle.

Er war ganz plötzlich gekommen, als die Stille der Nacht ihren Höhepunkt erreicht hatte und damit unerträglich geworden war, so unerträglich, dass die Tränen wie kleine, traurige Fontänen aus ihren dunklen Augen geschossen kamen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.

„Warum weinst du?“, hatte er sie gefragt, gleich als erstes, nachdem er sich zu ihr gesetzt hatte; doch sie vermochte ihm keine kluge Antwort darauf zu geben. „Weil ich traurig bin,“ hatte sie schließlich gemurmelt und ihn aus halb verschlossenen Lidern heraus angestrengt angeblinzelt. Ihre Wangen waren noch feucht von den gerade vergossenen Tränen. Es schien ihr, als umgebe den Mann im Mond ein leichter Windhauch, der die Nässe trocknete wie ein Fön, nur kühler, aber nicht unangenehm.

„Warum weinst du noch?“, hakte er nach, und rückte dabei ein wenig näher an sie heran. Nein, es schien, als könne man nicht durch ihn hindurchsehen, fiel ihr dabei auf – und irgendwie war diese Erkenntnis beruhigend. „Warum weinst du noch?“, wiederholte er, ungeduldig. „Weil ich so müde bin,“ antwortete sie, selbst überrascht von ihren Worten. „Warum liegst du dann so wach hier rum?“, wollte er von ihr wissen.

„Ich kann nicht schlafen.“ „Seit wann?“ Wieder überlegte sie. „Seit vielen Jahren schon!“, stellte sie dann verwundert fest. „Erinnerst du dich, wann du das letzte Mal geschlafen hast?“, wollte der Mann im Mond da von ihr wissen: „Wie das war, was da passiert ist?“ Bilder tauchten da in ihr auf, die sie längst vergessen geglaubt hätte. Die lästigen Tränen spülten sie ans schummerige Licht der Nacht und sie flüsterte, „jemand hat gesungen. Ein Schlaflied, ich weiß nicht mehr, wie es hieß.“

Der Mann im Mond grinste schief. „Das kriegen wir hin,“ rief er aus. „Meine Verwandtschaft ist sehr musikalisch.“ Langsam ließ sie sich da in die Kissen zurücksinken, unsicher, was der blasse Kerl von ihr wollte. Und beinahe geneigt, ihn zu verscheuchen, statt sich auf seinen Vorschlag einzulassen. Doch plötzlich erklang da eine Gitarre – und eine Stimme, rauchig und doch zart, bohrte sich über das Ohr in die Tiefen ihres Herzens, „I’ll give you shelter from the Storm“ – und da schloss sich ihr Geist in sich selbst, wendete sich der unruhig gewordene Blick nach Innen und sie fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

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Freitag, 2. Oktober 2009

Der Tag, als Herrn Meyer ein Engel vom Himmel fiel


Da war sie. Und die Frage, ob Engel Männer oder Frauen waren (oder gar geschlechtslos) für immer beantwortet. Engel waren weiblich und entsprachen allen Klischees, die er in seinem Leben je gehört hatte. Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, nein – denn es sind Frauen. Große Frauen mit goldenem Haar und wogenden Brüsten. Und sie können einem überall begegnen.

Herr Meyer hatte keinen guten Tag gehabt, heute. Und auch nicht gestern oder vorgestern – eigentlich schon eine ganze Weile nicht mehr, wenn er sich recht besann. Nur, wann es angefangen hatte, daran vermochte er sich nicht mehr so recht zu entsinnen.

Vielleicht, als ihn seine Frau zum zweiten Mal betrogen hatte? Wobei das erste Mal irgendwie nicht zählte, denn das erfuhr er erst Jahre später… Aber nein, Herr Meyer schüttelte den Kopf bei dem Gedanken, in den vergangenen 17 Jahren nur schlechte Tage erlebt zu haben; immerhin war er in dieser Zeit regelmäßig und gerne seinem Job nachgekommen, hatte den Kontakt zu seinen beiden erwachsenen Söhnen gepflegt und einige Reisen unternommen, wenn auch zumeist alleine, wie es ihm unterwegs zur Regel geworden war.

Ihm fiel ein Stein von Herzen. Er hatte in den letzten 17 Jahren, bei Licht besehen, sogar eine Menge guter Tage gehabt. Die Arbeit als Buchhalter machte ihm Spaß, mochten andere sie auch als langweilig empfinden, ihn faszinierte das Spiel mit den Zahlen, das Drehen an der Rechenmaschine, das Tackern auf dem Taschenrechner. Ja, an den Computer hatte er sich erst gewöhnen müssen, aber er war nicht unflexibel – zudem waren seine Jungs ganz fix mit diesem Zeug, die hatten ihm geholfen. Doch er hatte die Intelligenz des Rechners unterschätzt...

Herr Meyer wunderte sich ein wenig darüber, dass es „der“ Engel heißt – wo sie doch Frauen waren. Mochte sein, dass dies vor ihm niemand gewusst hatte, aber es war doch infam, einfach davon auszugehen, Engel kämen in männlicher Gestalt daher! Verstohlen warf er einen Seitenblick auf seine Engelsfrau. Sie war so nah, dass es ihm einen sanften Schauer den Rücken herabrieseln ließ. Vielleicht, wenn er die Hand ausstreckte und sich auch noch ein wenig herüber lehnte... Aber nein, das war völlig unmöglich, was sollte sie von ihm denken? Herr Meyer war ein wenig nervös, denn es war seine erste Begegnung mit einem Engel; sofern er sich erinnern konnte.

Auch als seine Frau ihn zum dritten Mal betrog, ging für Herrn Meyer die Welt nicht unter. Er war traurig. Und schämte sich ein wenig, denn diesmal bekamen die Kinder es mit. Vom ersten Mal hatten sie nie erfahren, beim zweiten waren sie noch so jung gewesen; andererseits vielleicht bereits alt genug, dann aber glücklicherweise im Pfadfinderlager. Aber diesmal, diesmal waren sie bei ihm, als er seine Frau beim Ehebruch ertappte: Welcher Vater wünscht sich das schon?

Die Engel, so dachte Herr Meyer, wandelten unerkannt unter den Menschen. Sie fielen den Erdenbürgern nicht auf, wie diese so durch ihre Tage hetzten. Wer nicht ab und an einen Moment inne hielt, zu sich kam und zur Ruhe, der mochte Zeit seines Lebens ungezählte Male an einer von ihnen vorbeilaufen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dabei konnte ein einziger Moment mit diesen göttlichen Wesen, nur eine Begegnung, einen Menschen für immer verändern.

Herrn Meyers Frau hieß Gabi. Sie war mit Ende vierzig sieben Jahre jünger als Herr Meyer selbst, doch er würde es nicht glauben, wenn er ihr heute zum ersten Mal gegenüberstünde. Ihre Haut war noch immer so sanft und rosig wie ein reifender Pfirsich, ihre Haare waren dicht und lang und braun und wunderschön. Sie rochen so aufregend wie an dem Tag, als er sie kennengelernt hatte, nach Mandeln und Honig und wilden Rosen. Ihre Brüste waren straff und reizvoll, ihr Schenkel drall und sie steckte voller Träume.

Herr Meyer liebte alles an seiner Frau. Und konnte es ihr nicht einmal verübeln, dass sie ihn betrog. An ihm waren die Jahre nicht so spurlos vorübergegangen; dann war er auch nie eine Schönheit gewesen. Seine Haare waren in der Mitte des Kopfes licht und vom vielen Sitzen und Buch halten hatte er einen kleinen Bauch bekommen, der quoll ihm in zwei Ringen über die Hose, wenn er saß. An schlechten Tagen konnte er den Ehering nicht vom Finger bewegen, aber das tat er ohnehin nur zum Röntgen.

Am Anfang hatte Gabi ihn noch liebevoll wegen seiner beginnenden Platte geneckt und beim Sex spaßhaft in den Bauchansatz gekniffen, doch irgendwann war ihr Lachen dünner geworden und der Sex seltener und dann hatte sie begonnen, nach anderen zu schauen. Herr Meyer hatte in den 32 Jahren seiner Ehe keine andere Frau angesehen, nicht einmal im Traum.

Doch nun starrte er den Engel an. Sie hatte langes, goldenes Haar und ein weiches, rundes Gesicht. In ihren Augen lag ein strahlender Schimmer. Herr Meyer war sich sicher, alle Engel bekamen vom großen Vater einen Kuss auf die Stirn gehaucht, bevor man sie in ihren Dienst entließ. Davon, so glaubte er, strahlten ihre Augen. Und auch der Rest des Gesichts. Es war ihm leicht zugeneigt und Herr Meyer versuchte, einen Blick auf die Augen des Engels zu werfen. Doch diese, von prächtigen dichten Wimpern bedeckt, hatte sie niedergeschlagen.

Wenn Gott der Vater der Engel ist, so muss eine prächtige, stolze Walküre, eine tapfere Kriegerin, ihre Mutter sein, überlegte Herr Meyer. So vereinen die Engel in sich ein liebevolles, schwebendes, sanftes Wesen mit Intelligenz, Kraft und Mut.

Das Klingeln des Handys riss Herrn Meyer aus seinen Gedanken. Er zögerte kurz, antwortete dann aber. Es war seine Sekretärin, also, ehemals, die sich nach seinem Befinden erkundigen wollte. Die Gute! Sein überstürzter Aufbruch hatte sie geschockt. Aber wer hatte damit auch rechnen können? Er hatte sich eben zu sicher gefühlt. Verfluchter Computer... Wenigstens würde ihm das Eingeständnis seiner Schuld den Prozess ersparen. Aber der Job war weg und das Geld ebenfalls. Anstatt Gabi ein besseres Leben zu bieten, würde er ihr nun Schulden hinterlassen. Der Gedanke betrübte ihn.

Seine Söhne hatten sich sehr loyal verhalten, nachdem sie in jener Nacht, als die Spätvorstellung im Kino ausfiel, weil außer ihnen niemand gekommen war, die Mutter bei ihren Spielereien erwischten: gegenüber beiden Elternteilen. Es machte ihn glücklich, denn so hatte er versucht, sie zu erziehen. Sie verhielten sich ihm gegenüber extrem zärtlich und waren voller aufrichtiger Zuneigung, die Mutter verurteilten sie nicht – und irgendwann dann waren sie sowieso ausgezogen, die Treffen wurden seltener, auch wenn sie häufig telefonierten.

Ganz plötzlich hob der Engel den Kopf und sah zu Herrn Meyer herüber. Beinahe hätte er den Augenblick verpasst, weil er so in Gedanken war. Es schien ihm, als hätte ein Strahl der Morgensonne sein Gesicht getroffen, als sie ihm so plötzlich unverwandt ins Gesicht sah. Die Sonne, so dachte er noch, muss wohl die Taufpatin der Engel sein, denn dass oben im Himmel ein Jeder getauft wird, dessen war er sich sicher. Der Engel strahlte und blickte doch ebenso verwundert drein, wie Herr Meyer es in diesem Moment von sich selbst annahm. Vorsichtig hob er die Hand und winkte zu ihr hinüber. Sie erwiderte seine Geste mit einem Lächeln. Wie ein Rausch überkam es ihn da.



Sie saß im vordersten Auto in der doppelreihigen Schlange. Die junge Frau am Steuer des roten Mitsubishis war selbst nicht auf den Mann aufmerksam geworden, der im Wagen rechts neben ihr an der zweispurigen Ampel auf grünes Licht wartete. Erst als ihr Sohn Max von der Rückbank krähte „schau mal wie der alte Mann guckt“, hatte sie ihre Aufmerksamkeit von der Einkaufsliste in ihrem Schoß auf das andere Auto gelenkt. Beinahe schien es ihr, als habe er darauf gewartet. Sein Blick, eben noch seltsam entrückt, bekam etwas Friedliches und er winkte zu ihr herüber. Voller Sympathie für den scheinbaren Kauz erwiderte sie seinen Gruß mit einem Lächeln.

***

„Und dann?“

Marie sah ihren Mann völlig fassungslos an und konnte zunächst nicht auf seine Frage antworten. Eben hatte sie Max, der ganz verwirrt war von den Ereignissen des Nachmittages und lange geweint hatte, endgültig in den Schlaf gesungen. „Dann ist er losgerast, geradaus in die T- Kreuzung. Und im nächsten Moment hat es auch schon einen riesigen Schlag getan. Minuten später waren Polizei und Sanitäter vor Ort. Der Arzt meinte hinterher, er sei sofort tot gewesen.“

Björn stand von seinem Stuhl auf, kam um den Tisch herum und nahm seine aufgeregte Frau in den Arm. Mit der Hand streichelte er ihr sanft übers Haar, das wie ein goldener Wasserfall über ihre Schultern glitt. „Jetzt beruhige dich erst einmal. Du wirst den komischen Alten bald vergessen haben. Ich bin ja bei dir, mein Engel.“

*


Dienstag, 18. August 2009

Spinat mit Ketchup


„Sie spielen unser Lied!“ „Ich weiß.“ Keiner sah den anderen an, während sie sprachen. Annas Worte hatten die Stille für einen Moment durchbrochen, doch nun war sie wieder da, ‚hello silence‘, voller Trost, schuf die Distanz, die er brauchte. Wenn er nur wenigstens kalt wäre, eindeutig. Wenn er sie von sich stoßen würde, mit aller Macht. Er liebte sie noch immer, das wusste Anna. Deswegen war sie bisher bei ihm geblieben. Und deswegen würde sie auch jetzt nicht von seiner Seite weichen. Sie tastete im Dunkeln nach seiner Hand; kalt. Er löste sich wortlos von ihr und verschwand in die Nacht.

„Es gibt Spinat.“
„Könnte ich das Ketchup bekommen?“
„Spinat mit Ketchup?“
„Warum nicht?“
„Weil das Ketchup den Geschmack des Spinats übertönt.“
„Vielleicht gerade darum.“
„Du hast mir nie gesagt, dass du keinen Spinat magst.“
„Ich habe kein Problem mit Spinat.“
„Dann brauchst du auch kein Ketchup.“

Die Enge des Zimmers erdrückte ihn. Früher war es ihm vorgekommen, als habe er mehr Platz, obgleich ihm einleuchtete, es konnte nicht sein. Er überlegte sich, ob er das zweite Bett rausstellen sollte. Er könnte es auch zu einer Art Couch umfunktionieren. Oder mit seinem zusammenschieben, vielleicht eine neue Matratze kaufen, eine große. Dann hätten Anna und er mehr Platz, wenn sie bei ihm übernachtete. Andererseits schliefen sie ja doch meistens bei ihr und ohnehin wusste er, er würde es nie tun. Er würde es nicht anrühren. Es sollte genau da stehen bleiben, wo es war; und am Liebsten wäre ihm, niemand würde sich je darauf setzen.

„Hallo Anna.“
„Hallo Ben.“
„ ... “
„Wirst du auch etwas sagen, oder werden wir uns nur wieder stundenlang am Hörer festhalten, die Leitung blockieren, einander atmen hören und nicht in der Lage sein, irgendetwas zu ändern?“
„Es ist heute acht Wochen her, Anna.“
„Das weiß ich, Ben.“
„Auf den Tag genau.“
„Ich weiß doch....“
„Tut mir leid wegen gestern.“
„Schon o.k.!“
„Und wegen heute auch.“

Draußen schien die Sonne, aber er hatte die Rollläden heruntergelassen, so konnte er das Licht ignorieren. Heute Morgen, als er aufgewacht war, hatte sich sein Herz leicht, fast unbeschwert angefühlt. Doch nachdem er sich auf das tote Gesicht konzentriert hatte, war seine Schwermut zurückgekehrt. Er musste leiden, es war seine verdammte Pflicht. Beim Frühstück, das sie entgegen ihrer Gewohnheiten gemeinsam eingenommen hatten, war seiner kleinen Schwester ein lustiger Traum in den Sinn gekommen, den sie gleich zum Besten gegeben hatte. Um den Mund seiner Mutter hatte sich der Anflug eines Lächelns abgebildet, sein Vater hatte gar gekichert.

Da hatte Ben stumm nach einem spitzen Messer gegriffen, und sich mit einer geschickten Bewegung das oberste Glied seines linken Ringfingers abgetrennt. Das Blut war aus den Gesichtern seiner Eltern gewichen, so schnell wie es aus seinem Finger quoll und spritzte. Seine Schwester schrie, das Blut floss. Ben verspürte Erleichterung.

„Warum haben sie das getan?“
„Ich brauche es nicht mehr.“
„Nun, ich brauche meine Nase auch nicht. Ich kann schon seit Jahren keine Gerüche mehr erkennen. Trotzdem schneide ich sie mir nicht ab, sie verstehen, wie ich meine?!
„Nein.“
„Gibt es noch mehr Körperteile, von denen sie in nächster Zeit vorhaben, sich zu trennen?“
„Das entscheide ich spontan.“

Mit dem Rücken fest in die Matratze gepresst und dem Gesicht zur Wand gedreht, erlebte Ben die Wirkung der Droge. Die lachsfarbene Tapete bekam rötliche Flecken, die sich schnell, doch zittrig ausbreiteten, aus der Wand hinausliefen und über ihn hinweg. Die Farbe floss ihm in die Ohren und in den Mund, durchzog schlierenartig sein Gehirn und hinterließ auf seiner Zunge den süßlichen Geschmack frischer Fäule.

Der verstümmelte Finger füllte sich mit immer mehr Blut, schwoll an und wurde lang und dick wie ein aufgeblasenes Kondom. Die Augen der Katze, die ihn aus der Dunkelheit anstarrten, wirkten bedrohlich. Ihr Atem stank nach frischem Fisch und erinnerte Ben an Anna. Er stach der Katze die Augen aus und ihre Tränenflüssigkeit mischte sich mit seiner Kotze und dem Rot aus seinem erneut blutenden Finger.

„Ich kann dich nicht aufhalten, habe ich recht?“
„Ja.“
„Wirst du mich mitnehmen?“
„Nein.“
„Es war nicht deine Schuld, weißt du?“
„Anna...“
„Als wir glücklich waren, hast Du mich da geliebt?“
„Manchmal.“

Er ging und sie wusste, es war für immer. Sie würde es seinen Eltern sagen müssen. Aber noch nicht heute und auch nicht morgen. Es hatte Zeit, sie hatte... Und vor Freitag würden sie ihn ohnehin nicht vermissen.

„Du bist lange nicht mehr hier gewesen.“
„Und nach heute, werde ich nie mehr kommen.“
„Er lebte in der Vergangenheit, Anna. Niemand konnte ihn da rausholen. Er hat bis zum Schluss das Bett keinen Millimeter von der Stelle bewegt. Auch Timos Spielsachen liegen bis heute darauf.“
„ ... “
„Wusstest Du, dass er Spinat mit Ketchup mochte?“

Anna trat aus dem Haus, das ihr vorgekommen war wie ein Krematorium; nur, dass seine Toten noch lebten und seine Lebenden tot waren. Die Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Vorgärten der biederen Häusersiedlung in ein Licht, das einen falschen Frieden vorgaukeln wollte. Vielleicht gab es dort Frieden, wo Ben jetzt war. Und vielleicht gab es auch dort Frieden, wohin sie unterwegs war, obschon sie nicht wusste, was ihr Ziel sein würde. Ihm folgen auf seiner Flucht vor der Vergangenheit würde sie nicht.

Sie wollte der Zukunft begegnen, und sei es nur, um ihr ins Gesicht zu spucken.

*


Sonntag, 19. April 2009

Komm, mein Mädchen!


Ich traf sie an einem Morgen, der zu warm war für den Monat, den der Kalender von sich behauptete in diesen Tagen. War in Eile, hatte einen Termin, kurze Zeit später, zu dem ich hetzenden Schrittes bereits unterwegs war. Im Gehen las ich die Zeit ab, als ich sie plötzlich erspähte – und etwas an ihr mich zwang, meine Schritte zu verlangsamen.

Sie war schmal und klein; sehr klein. Es war nicht das Klein der alten Leute, wie sie so gen ihres eigenen Ursprungs zurück schrumpeln mit den Jahren, es war ein Klein, das immer schon gewesen sein musste, nicht erst mit dem Alter gekommen. Ihre Augen blitzten hellwach; da lag etwas in ihrem Blick, was zu deuten mir nicht gelingen wollte.

Als ich sie entdeckte, stand sie, den Oberkörper über einen Stock gebeugt, vor einem Hauseingang an der belebten Straße, von der die Stadt in eine Acht und eine Sechs hinter der Elf geteilt wird. Sie schaute unschlüssig, dribbelte mal ein Schrittchen vor, mal eines zurück, sah sich um, stand still. Sah sich nur um. Entdeckte mich. Lächelte. Schaute unter sich. Und da bebte plötzlich etwas durch ihren Körper, einem Schluchzen gleich – obschon ich mich im Nachhinein fragte, ob es Erregung gewesen ist?

Ich lief zu ihr und fragte, ob ich ihr helfen könne. Kaum dass ich auf einer Höhe mit ihr war, ließ sie eine Hand von ihrem Stock gleiten und umfasste damit meinen Unterarm. Ich war erstaunt von dem festen Griff ihrer kleinen, faltigen Hand, unter deren Haut sich blau ihre Adern abzeichneten. Und etwas lag in diesem Erstaunen, dass sich schnell in meinem Körper ausbreitete, ohne mir seinen Namen zu verraten.

„Nach da!“, deutete sie mit ihrem Stock nicht über-, sondern weg von der Straße. Ich hatte geglaubt, sie brauche Hilfe beim Überqueren, stattdessen schob sie mich nun, beide Hände um meinen Arm gekrallt – den Stock hatte sie mir übergeben – in Richtung eines Bäckers. „Mohnstreusel!“, forderte sie, im Inneren der kleinen Stehbäckerei. „Der ist leider aus“, entschuldigte sich die Verkäuferin. „Saftladen!“, fauchte die Alte an meinem Arm – und ich lächelte etwas hilflos hinter den Tresen, wo zwei Verkäuferinnen die Brauen hoben.

Vor dem Bäcker schaute ich ratlos zu ihr herunter. Und ein wenig hilflos nach meinem Arm, der langsam taub wurde. Fragte, ob ich sie zum Bus bringen könne, womit ihr nun sonst geholfen wäre? Mit einer Stimme, die so gar nichts mit dem Keifen im Bäcker zu tun zu haben schien, schmeichelte sie, „einen Kaffee möchte ich trinken, aber nicht allein, bitte!“ – und deutete mit einer Kopfbewegung hinüber zu einer anderen Bäckerei.

Meine innere Abwehr gegen das Krallen und Gezerrtwerden war mittlerweile groß, doch ich schämte mich dafür und sagte mir im Stillen, wie hilflos und einsam das Bündel Mensch an meinem Arm sein musste: gleich einem Säugling, nur flinker – und meine Abwehr nicht angebracht. Also beschloss ich, der Alten ihren Wunsch zu erfüllen.

In der Bäckerei bestellte sie mit kläffender Stimme Kaffee und ein Stückchen, die junge Verkäuferin brachte uns die Bestellung und es schien, als wolle sie Teller und Tasse lieber aus sicherer Entfernung herüberschmeißen, als sich uns zu nähern. Die Augen, dachte ich bei mir, sie hatte die Augen der Alten gesehen; etwas lag darin, was auch mich beklemmte.

Sie begann zu erzählen. Von ihren beiden Söhnen, den nutzlosen Stümpern, sowie deren Ehefrauen, den dreckigen Flittchen. Einen, so bellte es aus ihr heraus, hatte gnädig der liebe Gott geholt, da war er Anfang dreißig. „Nachgeholfen hat er selbst noch!“, begann der Satz, der mit der Verzweiflung eines Menschen auf den Gleisen endete. „Richtig so!“, funkelte sie zu mir herüber – und da waren wieder diese Augen. Seine Frau, die habe anschließend eine Fehlgeburt gehabt, „zum Glück!“, glitzerte sie mich an.

Ich wollte etwas sagen, doch mein Mund schwieg stumm. Ich staunte das zarte, kleine Paket Mensch zu meiner Linken an und begriff nicht die vergifteten Worte, die aus ihr quollen. Es war, als kämen ihre Erzählungen in einer fremden Sprache aus der Alten herausgesprudelt, die ich mir später erst übersetzen müsste; und dann waren es wieder ihre Augen, die mich lähmten und an ihrer Seite hielten, für die Geschichte über den zweiten Sohn.

„Fünfunddreißig Jahre!“, verkündete sie, habe es gedauert, ihn und seine Frau, das „nutzlose Stück“, auseinander zu bringen. Am Ende habe sie, die Mutter, über das „Flittchen“ gesiegt. Auch hier keine Kinder, „wahrscheinlich war die ausgetrocknet!“, frohlockte sie – dann senkte sich ihr eiserner Griff wieder auf meinen Arm und plötzlich wurde ihre Stimme eine andere: fast weich, vornehmlich aber weinerlich.

„Er redet nicht mehr mit mir, mein Mädchen!“, brach es aus ihr heraus. Und mit den wenigen Worten die Wut und Verzweiflung über einen Sohn, der den guten Willen hinter den Taten seiner Mutter nicht erkennen konnte. Sie erinnerte mich nun an die eine, unter deren strengem Blick ich viele Jahre in sanftem Lilablau erstarrt gewesen war, weil das Schicksal mich einst zur Frucht ihres Leibes gemacht hatte.

Ich zahlte, wir gingen und sie ließ sich von mir zur nächstgelegenen Bushaltestelle begleiten. Wenn ich noch lange so mit ihr liefe, würde ihr eiserner Griff bald alles Blut aus meinem Arm gepresst, alle Wärme aus meinem Körper vertrieben haben. Als ich mich schließlich von ihr verabschiedete, griff ihre knochige, alte Hand nach meinem Haar und ich konnte den bläulichen Schimmer hinter der dünnen Haut neben meinem Gesicht tanzen sehen.

„Dich, ja, dich hätte ich lieben können, das habe ich gleich erkannt!“, flüsterte der Klang ihrer Stimme sich drohend in meine Richtung – und darin lag ein Urteil, welches mich so schreckte, dass ich nicht anders konnte als zu rennen. Rannte, nur rannte und hörte nicht auf damit; bis ich endlich schwitzend und blutig in eine Wiese fiel, weit vor den Toren der Stadt, ein einzig verzweifeltes Lied auf den bebenden Lippen: „Ich bin nicht wie ihr! Ich bin nicht! Wie ihr! Bin nicht, ich bin, ich bin nicht wie ihr!“

*


Freitag, 9. März 2007

Konstantin


Er hatte sie jetzt lange genug beobachtet, um alles zu wissen, was ihn interessierte. Sie wohnte im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses, mit Fenstern nach Osten und einem Südbalkon; alt, mit Messinggitter und Blumentöpfen; leer. Nur Efeu, das sich um das Haus rankte, hatte es sich darin gemütlich gemacht.

Sie wohnte alleine, nur mit ihrem Kanarienvogel (oder war es ein Wellensittich?). Konstantin, der nicht kokste – auch sie nur sehr selten, wenn ihr der Shit ausging und es unerträglich wurde.

Sie stand um vier Uhr morgens auf, fünf Tage die Woche, um Zeitungen auszutragen, die sie niemals las, weil die Welt sie nicht interessierte. Wenn sie um halb sieben wieder nach Hause kam, setzte sie sich auf ihren Südbalkon – Sommer wie Winter. Im Sommer fast nackt, nur mit einem Hauch von Nachthemd bekleidet, im Winter mit Jogginganzug und einer dicken Decke; grün-gestreift.

Sie trank heiße Milch mit Honig. Vielleicht war die Milch im Sommer kalt.

Selten las sie ein Buch, oft drang Musik aus ihrem Wohnzimmer leise über die Dächer der Stadt, dann hatte sie die Augen geschlossen und ihn interessierte, was sie wohl dachte, wenn sie so dasaß, die Beine übereinander geschlagen, den Mund zu einem Lächeln geformt, das er den Rest des Tages nie mehr an ihr sah.

Sie lächelte nur morgens.

Manchmal weinte sie auch, aber immer leise, nie schluchzend. Wenn sie vom Balkon aufstand ging sie ins Bett. Er sah sie den kleinen Flur durchqueren, denn der hatte ein Fenster, das ihm Einblick gewährte. Das Fenster ging nach Osten. Ihr Schlafzimmer ging nach Norden und das Fenster war klein und mit einem Vorhang verdeckt, so dass er sie aus den Augen verlor, sobald sie die Tür durchschritt. Schwere Eiche.

Die Wohnung war dunkel, trotz Südbalkon; aber nicht trostlos.

Er fragte sich, was sie trug, wenn sie zwischen die Laken schlüpfte – und ob sie im Sommer Satin- und im Winter Biberbettwäsche benutzte. Auch ihre Träume hätte er gerne erfahren. Wenn sie wieder aufstand, war es meist nach zwölf. Sie fütterte den Kanarienvogel und kochte sich einen Kaffe, dazu rauchte sie eine Pfeife.

Es sei denn, der Shit war ihr ausgegangen. Dann kam es vor, dass sie kokste. Er hätte gerne nur einmal ihr Kokstäschchen geleert und mit Puderzucker gefüllt, um zu sehen, ob sie niesen würde. Manchmal blutete sie aus der Nase, dann wandte er sich ab, denn er konnte kein Blut sehen.

Nach dem Kaffee ging sie in die Stadt, wo sie Vogelfutter kaufte. Er versuchte, einen Blick auf die Verpackung zu werfen, denn es interessierte ihn, ob Konstantin nun ein Kanarienvogel war oder ein Sittich. Er musste alles ganz genau wissen, aber der Vogel stand im Schlafzimmer und er konnte ihn nicht sehen. Auch wenn er ihn manchmal hörte; mit Vögeln aber kannte er sich nicht aus, wenn sie in einem Käfig saßen und sangen. Er beschloss, es sei ein Kanarienvogel. Er war orange, nicht gelb.

Sie hatte keinen Fernseher und kein Radio, nur den alten Plattenspieler; er stand im Wohnzimmer, neben dem Südbalkon.

Wieso nur hielt sie den Vogel im Schlafzimmer?

Besuch kam selten. Einmal im Monat eine Frau, er vermutete, es war ihre Mutter. Den Vater hatte sie nie dabei, doch es interessierte ihn, ob es ihn gab, gegeben hatte, als Mensch. Oder nur als Samenspender, eine Nacht lang, zwischen aufgewühlten Laken, den Kopf voller Alkohol, Marihuana im Blut.

Manchmal kam ein Mädchen vorbei, offensichtlich eine Freundin. Dann saßen sie gemeinsam auf dem Südbalkon und tranken Milch (Temperatur je nach Jahreszeit?), sie mit, die Freundin ohne Honig.

Manchmal arbeitete sie nachmittags in einem Supermarkt, dann ging er dort hin, um seine Einkäufe zu erledigen, aber er zahlte immer an der Kasse links von ihr; es sei denn, die war geschlossen, dann tat es auch die rechte.

Einmal war sie die einzige Kassiererin gewesen. Er hatte es erst gemerkt, als er sich den Wagen schon vollgeladen hatte. Da ging er noch einmal durch die Gänge und legte seine Waren an die Plätze in den Regalen zurück, von denen er sie genommen hatte. Als er sich zum Eingang hinausschleichen wollte, saß sie nicht mehr da; stattdessen eine dicke, mit schwarzen Haaren und roten Backen, die ihm zuwinkte – er hatte schon oft bei ihr bezahlt, denn meist saß sie links.

Der schwere Rotwein unter seinem langen Mantel löste keinen Alarm aus.

Er trank ihn auf dem Heimweg und schlitzte sich den Mund am Flaschenhals auf, den er zerschlagen hatte – der Korkenzieher lag zu Hause in der Küchenschublade, links unten, neben dem Käseraspler und dem Schälmesser.

Oft ging sie abends weg, manchmal blieb sie auch zu Hause. Dann lag sie auf dem Sofa und schaute; tat nichts anderes, als zu schauen – wahrscheinlich dachte sie auch und er hätte gerne gewusst was.

Sie war ein sehr leiser Mensch.

Die meisten Menschen, mit denen er zu tun gehabt hatte, machten über kurz oder lang Krach. Sie blieb immer leise, schien jeden Schritt behutsam zu setzen und jeden Zug zu überdenken, den sie tat.

Was mochte sie nur denken, in all der Zeit?

Einmal sah er, wie sie ihre Freundin zärtlich küsste und fragte sich, ob sie wohl lesbisch sei. Aber er verwarf den Gedanken wieder, denn manches Mal hatte er gesehen, wie sie abends im Pub Männer küsste – nie zweimal den gleichen.

Sie trank viel Bier und aß fast nie.

Er wusste, dass sie einen kleinen Bruder haben musste, denn das große Bild, das in ihrem Wohnzimmer mit Südbalkon hing, zeigte eindeutige Verwandtschaft auf. Durch Zufall erfuhr er, das der Junge vierzehn Jahre alt war und bei seinem Vater lebte; nicht ihrem – ihre Mutter aber war nur einmal verheiratet gewesen, beim zweiten Kind. Also doch nur ein Samenspender?

Das Buch, das sie zurzeit laß, handelte von Liebe, von Verderben und von Bürgerkrieg irgendwo in einem Land in Afrika. Er wusste, sie war nie dort gewesen; fragte sich, ob sie wohl Löwen sah, wenn sie morgens auf dem Südbalkon die Augen schloss.

Als er an diesem Abend vor dem Haus auf sie wartete, trug er eine Nelke bei sich, keine Rose, da sie diese ob der Dornen nicht mochte. Sie blickte überrascht drein und dann lächelte sie, was ihn verwunderte, da er sie bisher nur in den Morgenstunden hatte Lächeln sehen. Für einen Moment verlor sich ihr Blick auf dem Boden, zwischen seinen und ihren Füßen; sie schien nachzudenken.

Als sie wieder aufschaute, rammte er ihr das Messer mit voller Wucht zwischen die Augen. Das Lächeln gefror auf ihrem Gesicht, sie taumelte, aber nur kurz; dann fiel sie leblos zu Boden.

Er tötete nie, ohne zu kennen.

*



 

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