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Donnerstag, 14. November 2013

I saw God and he dyes his hair


Nick Cave sieht aus, als sei er aus Lakritz. Entwirrt aus einer großen, schwarzen Schnecke, deren beide dürre Fäden man voneinander gelöst hat, um seine Arme und Beine daraus zu bauen. Unfassbar lange Arme und Beine, die immerzu in Bewegung sind, hüpfen und springen, sich dehnen und Entfernungen überwinden, die einen. Beschreiben, aufzeigen, wirbeln oder sich um Warren Ellis wickeln, wenn der seiner Geige wieder Überirdisches wie selbstverständlich entlockt hat, die anderen. Lakritzmännchen.

Eine Bühne voller Lakritzmännchen. (Foto: WP)
Als kleines Mädchen habe ich Lakritze geliebt, längst aber die Begeisterung an ihrem seltsamen Geschmack, der sich nicht beschreiben lässt, verloren. So, wie man unterwegs diese strahlende Weihnachtsbaumbegeisterung verliert, die kindliche, absolut ungetrübte, die den vorangegangenen Moment schon vergessen hat und noch nichts weiß von dem, der folgen wird. Eine offen daliegende, schutzlose Emotionalität, verwundbar und naiv, erkennbar bloß an den weit aufgerissenen Augen der Kinder, die sie durchflutet; Augen, die das auslösenden Moment tief und ganz und gar in sich aufnehmen wollen.

Dieser Abend schenkt mir Weihnachtsbaumbeigeisterungsaugen, aus deren weiten Wänden ich in die Dunkelheit der Stadthalle Offenbach schaue und die fließenden Bewegungen des Lakritzmännchens verfolge. Seiner Stimme lausche, die mal zart durch den Saal fließt, um sich dann wieder mit zitterndem Druck in jedes Ohr zu pressen. Jede Bewegung, jeder Song sinkt ein in die staunende Begeisterung, macht sich auf die Reise durch meinen Körper, mein Bewusstsein, als willkommener Gast, dessen Präsenz noch lange nach seiner Verabschiedung in der eigenen Wohnung zurück bleibt.

Nick The Bat Cave in Aktion. (Foto: WP)
Wie den Schatten einer Fledermaus wirft die Bühnenbeleuchtung Caves Bild an eine Wand der Halle, während der sich neben der aktuellen Platte vor allem durch seine älteren Stücke singt, stöhnt und schreit, die ihre Reise über Jahre und Jahrzehnte allesamt gut überstanden haben und scheinbar nicht nur ihre eigene Geschichte erzählen, sondern auch die der Zeiten, die sie hinter sich gebracht haben. Jedes Stück kommt richtig und passend; eigene Lieblinge fehlen, aber so ist das immer, und deswegen nimmt Cave sogar Wünsche entgegen, ganz der charmante Gastgeber, der die DJs dieser Welt niemals sein wollen.

Anderthalb Stunden, ein Blinzeln, ein glückliches. Eingeflossen in die vielen Moment der Vorfreude auf dieses Konzert, verlängert durch eine Zugabe und danach sicher im Herzen nach Hause getragen. „And some people say that it's just rock’n’roll. Oh, but it gets right down to your soul.“


*



Freitag, 13. September 2013

Mittwoch, 11. September 2013

Mittwoch, 4. September 2013

Dienstag, 27. August 2013

Montag, 19. August 2013

Dienstag, 13. August 2013

What keeps us going


»What kept me sane was knowing that things would change and
it was a question of keeping myself together until they did.«  
[Nina Simone – I put a spell on you]

*



Donnerstag, 4. Juli 2013

Detailfragen


Telefonat mit meiner Nichte (3 ½): „Mara, wo bis du?“
„Zuhause.“
„Bist du nicht bei deinem Papa?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Na, mein Papa ist doch tot, Marie.“
„Nein.“
„Doch, leider.“
„Wo ist dein Papa jetzt?“
„Der ist im Himmel, beim lieben Gott.“
„Warum?“
„Weil er gestorben ist, weißt du.“
„Mein Papa ist auch gestorben.“
„Nein, Quatsch, dein Papa lebt. Unser Papa, also der von mir und deiner Mama, ist schon gestorben, aber deiner zum Glück noch nicht.“
„Doch, mein Papa ist auch tot.“
„Marie, nein, schau mal, wenn jemand tot ist, dann ist er gar nicht mehr hier, das ist sehr traurig. Aber dein Papa ist da, der frühstückt mit dir, geht arbeitet, springt rum…“
„Nein, Mara, der springt nicht rum. Der sitzt auf dem Klo!“

*

Montag, 10. Juni 2013

Schnürsenkel des Tages

Ich erinnere mich dunkel an die Zeiten, in denen an meinem Schreibtisch ein Tintenstrahldrucker seinen Dienst verrichtete: Zum Glück ist das lange vorbei. Klar, der konnte Buntes, er brauchte aber auch 63 verschiedene Patronen und die mussten stündlich gewechselt werden. Mein Laserdrucker hingegen verrichtet seit rund sieben Jahren treu seine Dienste, und alles, was er in der Zeit wollte, waren ein paar Tonerauffrischungen: Dankeschön.

Kürzlich war es dann mal wieder so weit. Die Ausdrucke kamen mit leichtem Schleier aus dem Schlund der Maschine, und irgendwann hatte die Lesbarkeit auch für Dinge, die nicht verschickt oder anderweitig weitergegeben werden so weit nachgelassen, dass es Zeit wurde für eine erneute Befüllung der Patrone. Also ab zum Laden meines Vertrauens…

Schon Bukowski wusste, es sind die Kleinigkeiten, die uns in den
Wahnsinn treiben: langsam, aber sicher. (Foto: WP)

„Hallo, ich würde gerne die Laserkartusche hier wieder befüllen lassen.“
Verkäufern besieht sich die Kartusche kritisch, schaut mich an.
„Wir haben gerade keinen Toner.“
Da keine weitere Erklärung folgt, setze ich nach einem Moment des Schweigens ein gedehntes, „Okeh?“ in den Raum.
Die Verkäuferin mustert weiter die Kartusche.
„Ich frag mal den Chef, ob wir die da haben.“
Nach ein paar Minuten kehrt sie zurück.
„Ne, haben wir nicht.“
„Was denn?“
„Ihre Kartusche.“
Meinem fragenden Gesichtsausdruck kann die Dame offenbar entnehmen, dass ich den Faden verloren habe.
„Der Toner ist alle. Wenn Ihre Kartusche noch mal da wäre, hätte ich Ihnen die mitgeben können. Also, eine von uns.“
„Ach so. Ich würde aber eigentlich eh am liebsten die Originalpatrone behalten.“
Pause.
„Wir haben gerade keinen Toner.“
„Wann kriegen Sie denn neuen?“
„Kann Donnerstag werden.“ (Es ist Montag.)
„Kann ich denn die Kartusche hier lassen?“
„Klar. Ah, Moment, mir fällt noch was ein.“
Nach ein paar Minuten kommt die Verkäuferin mit einem Karton wieder, hält ihn mir hin und sagt: „Das macht neunundvierzichneunzich.“
„Äh, was jetzt genau?“
„Die Kartusche.“
Ich rubble mir die Schläfen.
„Was ist das denn für eine Kartusche?“
„Wie Ihre. Also, quasi. Ist ein Nachbau, für ein anderes Modell. Müsste aber auch bei Ihrem passen.“
„Kann ich die mal sehen?“
„Die ist eingeschweißt.“
„Ich würde gerne schauen, ob die wirklich baugleich sind.“
Mit einem gewissen Umstand öffnet die Verkäuferin die verschweißte Verpackung. Sie hält die nachgebaute Kartusche gegen meine, die beiden sind sich ähnlich, aber nicht baugleich.
„Ne, das ist nett von Ihnen, aber ich warte dann doch lieber, bis meine aufgefüllt ist.“
„Wie Sie wollen. Wir rufen dann an.“

Der Donnerstag kommt, der Donnerstag geht – nichts passiert. Das Wochenende kommt, das Wochenende geht – nichts passiert. Ich rufe also montags in dem Laden an.

„Hallo, ich habe vor etwa zehn Tagen eine Kartusche zur Befüllung bei Ihnen abgegeben und wollte mal fragen, ob die fertig ist.“
„Haben Sie einen Abholschein?“
„Ja.“
„Schauen Sie mal, da sind so sechs Nummern drauf.“
Ich überfliege den Abholschein, sehe aber nur eine Nummer und gebe das durch.
„Nein, da sind sechs Nummern. Und davon brauche ich drei.“
Bei mir fällt der Groschen.
„Ach, Sie meinen Ziffern!“
Lachen.
„Oder?“
„Ne, nicht Ziffern. Zahlen! Die letzten drei.“
Leicht verwirrt gebe ich die geforderten Ziffern durch. Aus der Leitung erklingt ein Tuten.
„Hallo?“
Stille. Ich wähle erneut.
„Hallo, ich hatte eben angerufen wegen meiner Kartusche, aber offenbar bin ich aus der Leitung geflogen.“
„Ne, ich habe Sie weggedrückt.“
„?“
„Die Kartusche ist fertig.“
„Ah okay. Weil die Kollegin meinte, dass ich Bescheid kriege, wenn die zurück ist.“
„Jo. Ist vielleicht noch nicht so lange fertig. Keine Ahnung.“

Eine halbe Stunde später, im Laden.

„Hallo, ich wollte gerne meine Kartusche abholen.“
„Abholschein?“
Ich händige den Schein aus und bekomme die Kartusche. Von einer plötzlichen Eingebung gesegnet, öffne ich den Karton.
„Die ist eingeschweißt.“
„Ja, ich weiß, ich würde sie aber gerne aufmachen.“
„Da brauchen Sie eine Schere.“
„Mhm, ja. Könnten Sie mir bitte gerade eine geben?“
Ich erhalte die gewünschte Schere, öffne die Verpackung – drin ist, na klar, die falsche Kartusche. Ich weiß nicht, ob ich lachen, heulen oder einfach den Laden verlassen soll, erinnere mich rechtzeitig an die Vorkasse und sage freundlich.
„Das ist leider nicht meine Kartusche.“
„Oh.“
„Als ich meine abgegeben habe, meinte die Verkäuferin, ich könnte stattdessen auch eine baugleiche mitnehmen. Ich hätte aber gerne meine aufgefüllt. Das hier ist nicht meine.“
„Ja, dann weiß ich auch nicht, wo Ihre ist.“
Ich spüre leichten bis mittelschweren Unwillen in mir aufsteigen.
„Ich weiß, dass Sie da vermutlich nichts für können, aber ich warte seit zehn Tagen auf meine Kartusche…“
„Die ist schon seit Donnerstag fertig.“
„Wovon ich nichts wusste, weil mich niemand angerufen hat. Und jetzt ist es die falsche. Das ist schon ein bisschen ärgerlich.“ 
Der Verkäufer beginnt, einige der umliegenden Kartons zu öffnen.
„Was ist das für eine Marke, Ihr Drucker?“
„Samsung.“
Ich habe ein bisschen das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen.
„Es ist halt noch die Originalpatrone. Bei der würde ich gerne bleiben. Ich hatte es auch extra dazugesagt, als ich sie abgegeben habe.“
„Mhm.“
Der Verkäufer verschwindet. Nach einer Weile kommt er wieder und in der Hand hält er – meine Kartusche! Ich strahle.
„Prima, genau! Das ist meine.“
„Die ist aber nicht aufgefüllt.“
Mir auch schon fast egal.
„Macht nichts, dann füllen Sie die einfach auf und ich hole sie ab, wenn sie fertig ist.“
„Wir haben aber gerade keinen Toner.“
„Mhm.“
„Ich kann Ihnen die andere mitgeben. Die sollte auch passen. Kann ich hier auch kurz testen.“
„Ne, danke, das ist echt nett, aber ich hätte gerne meine wieder.“
Ich deute auf ein besonders ausladendes Teil meiner Kartusche, das normalerweise im Inneren des Druckers liegt.
„Die hat auch hier dieses viel längere Teil, da wird das Papier sauberer angezogen. Schauen Sie, das ist bei der anderen nur so ein Stummel.“
„Ja, da wird gespart.“
Ich lächle, in der Annahme, mit dieser Aussage habe der Verkäufer mein Anliegen verstanden.
„Was machen wir denn jetzt?“
„Es wäre toll, wenn Sie meine Kartusche befüllen könnten. Bezahlt ist ja schon.“
„Wir haben aber gerade keinen Toner.“
Seufzer.
„Wann kriegen Sie denn wieder welchen?“
„Kann Donnerstag werden. Wir rufen dann an.“

*

Montag, 3. Juni 2013

Samstag, 13. April 2013

Montag, 14. Januar 2013

Kompakt: Musik für meine Ohren

Was ich an Interviews liebe: Wenn Leute erzählen, sie seien in einem Haushalt voller Musik und Literatur aufgewachsen. Das klingt warm und klug, nach einem guten Zuhause. Zugegeben, auch bei uns gab es viele Bücher und an Musik bestand kein Mangel – von Literatur zu sprechen, wäre aber mehr als übers Ziel hinausgeschossen. Und beim genannten Zitat denke ich irgendwie an andere Musik als den Soundtrack meiner Kindheit: Gitte, Milva und Udo Jürgens. Und doch, unterm Strich haben mir meine Eltern die Begeisterung für Musik und das Lesen mitgegeben, und das ist ein großes Glück. Die entsprechenden Inhalte habe ich über die Jahre Stück für Stück gefunden; und finde sie noch.

Es kann ja nicht immer Livemusik sein… (Foto: Marieke Stern)
Der Vorteil beim Lesen ist, dass ich mir über die Ausstattung keine Gedanken machen muss: Einfach ein Buch kaufen, ab auf die Couch – und alles ist gut. Und da ich mir, trotz Grundaffinität in Sachen Technik, niemals einen Reader zulegen werde, ändert sich an dieser Simplizität auch nichts. Anders sieht das bei Musik aus, denn die spielt sich nun mal nicht auf dem Zeigefinger ab, vielmehr braucht es dazu ein Gerät, doch genau an diesem Punkt betrete ich beherzt das Tal der Ahnungslosen... Als Kinder hatten wir zuerst Kassettenrekorder, nannten später tragbare CD-Player unser Eigen und waren als Teenager stolz auf die erste eigene Kompaktanlage. Die klang zwar im Vergleich zum Plattenspieler im Wohnzimmer ein wenig blechern, genügte aber, um den ersten Stock in der gewünschten Lautstärke zu bedröhnen.

Im Grunde ist mein Stand bei Anlagen ähnlich wie der bei Musik: Ich kann sehr gut unterscheiden zwischen „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ (bei den Anlagen gleichbedeutend mit „klingt gut“ und „klingt eher nicht so toll“); viel weiter komme ich aber nicht. Ehrlich gesagt ist auch nicht auszuschließen, dass mir ein Mangel an Qualität erst mal gar nicht auffällt – oder ich mich mit der Zeit daran gewöhne: Die Anlage, die in meinem Auto für Musik sorgt, verursacht auf längeren Fahrten körperliche Schmerzen, und das Radio in meinem Badezimmer liegt gerne mal etliche Takte neben der korrekten Empfangsspur.

Zuhause war ich lange mit zwei guten Freunden aus meiner Jugend ausgerüstet: meinen Kompaktanlagen aus den Neunzigern. Das ging so lange gut, bis eine das Zeitliche segnete. Relativ zeitgleich übrigens mit meinem Kühlschrank, der zwar nicht vollständig kaputt ist, aber funktional mit einer halb abgebrochenen Tür doch sehr eingeschränkt: Er schließt zwar vollständig ab, einen Kühlschrank einhändig einzuräumen (weil die zweite Hand die Tür hält) ist aber anspruchsvoller, als es sich zunächst anhört... Ich schweife ab, doch das aus gutem Grund: Es dauerte etwa ein Jahr, bis ich entschieden hatte, was ich zuerst ersetzen möchte – die verblichene Anlage oder den verwundeten Kühlschrank. Das mag lang erscheinen, aber zu dem Thema kann man sich etliche Gedanken machen – und zwischenzeitlich gingen meine Überlegungen vom Plattenspieler (wenn man schon etwas Neues anschafft, dann…) bis zum Auszug (wo der Kühlschrank eh schon kaputt ist…) und wieder zurück zur kleinen Lösung: Kompaktanlage (und im nächsten Winter den neuen Kühlschrank).

Klar: Wer für kleines Geld die Möglichkeit zurückerobern möchte, im Wohnzimmer Musik zu hören, die tatsächlich dort abgespielt wird (und nicht aus dem Schlafzimmer herüber plärrt) darf keine klanglichen Wunder erwarten. Aber so ein bisschen zum Genießen soll das neue Teil ja schon sein. Also ab zum Großhandel meiner Nachbarschaft – von Vertrauen kann keine Rede sein, andererseits darf ich elektronische Geräte aber auf keinen Fall im Fachhandel kaufen: Das endet nämlich so, dass ich viel zu viel Geld ausgebe, weil mich der freundliche Verkäufer erfolgreich dahingehend eingelullt hat, dass – naja, das eben notwendig ist. Ein freundlicher Verkäufer nähert sich mir auch im Großhandel, und er scheint entzückt, als ich zur Schilderung meiner Kaufabsichten ein Zettelchen aus der Manteltasche friemele. Darauf, so vermutet er, habe ich die technischen Eckdaten notiert, auf die es mir ankommt? Beschämt halte ich ihm meine Notizen hin: 40x26 – die Abmaße des Regals, auf dessen Kopf ich meinen Neuerwerb gerne stellen möchte. Der Verkäufer lässt seinen Kopf hängen.

Zumindest sind wir uns einig, was seine Vorführ-CD angeht: Adele verursacht uns beiden Kopfschmerzen. Gegen den Lärm aus einem kleinen CD-Player brülle ich an, der klänge wie mein alter Kassettenrekorder. Der Verkäufer nickt traurig, ich gebe meine Größenvorgaben auf und wir nähern uns den Kompaktanlagen. Die beäuge ich zunächst kritisch: Müssen die derart bunt sein? Und derart hässlich? Mein Verkäufer schaut immer noch traurig. Er zeigt mir die Sonderangebote, die mich allesamt nicht ansprechen. Ich frage vorsichtig, was er sich als Zweitanlage ins Haus holen würde? Mit gerümpfter Nase antwortet er, nichts in dieser Preisklasse – und deutet auf die größeren, schöneren Anlagen mit sattem Bass: Aber ich werde nicht auf den Fachhandelstrick hereinfallen! Und plötzlich – ist das schon Resignation oder ein ehrlicher Versuch? – geht er beherzt auf zwei der kleinen Anlagen zu: Diese könne er guten Gewissens empfehlen.

Ich beäuge – nicht so hässlich. Ich horche – nicht so scheppernd. Ich setze ein fachmännisches Gesicht auf – nicht so überzeugend. Und – ich entscheide mich für eine der beiden Kompakten. Die erweist sich dann leider als ausverkauft und ich bin mir nicht sicher, wer den Tränen näher ist: mein Verkäufer oder ich? Doch es gibt noch ein Happy End: Ich bekomme das Ausstellungsstück, mit 15 Prozent Nachlass auf den schon reduzierten Preis – und als ich mich bei dem Verkäufer für seine geduldige Beratung bedanke, scheint ihn das ehrlich zu freuen. Oder er ist einfach nur erleichtert, dass ich, mein Zettelchen und die Anlage endlich aus seinem Beratungsradius verschwinden...

*



Mittwoch, 9. November 2011

Konzertbesucher: Eine Typologie

Bei Konzertbesuchen kann man sich eigentlich gar nicht in die Nesseln setzen: Mit etwas Glück ist die Musik gut und man genießt einen schönen, vielleicht sogar besonderen Abend. Ist der Bühnenauftritt des Künstlers wenig anregend, kann man sich die Zeit nebenher damit vertreiben, seine Umgebung zu beobachten. Über die Jahre trifft man so, in ihrer genauen Ausprägung und Anzahl abhängig vom jeweiligen Künstler und dessen Musik, auf die immer gleichen Gesichter. Eine Typologie.

Thank you for the Music, Wilco! (Foto: WP)

Vorband-Ausraster
Für mich sind Vorbands selbst dann eine Qual, wenn ich am Ende des Konzertabends bekennen muss, dass ihr Auftritt besser war als der des Hauptacts. Und es ist mir egal, ob einige große Künstler als Warm-Up für heute längst vergessene Musiker angefangen haben; da bin ich Egoist. Daneben bin ich aber ein höflicher Mensch und klatsche deshalb freundlich, wenn die Vorgruppe einen Song beendet. Vom höflichen Klatschen hat der Vorband-Ausraster noch nie gehört. Er ist schon beim Betreten der Konzerthalle dermaßen euphorisiert, dass auch eine strickende Oma oder ein Seifenblasen pustender Junge auf der Bühne genügen würden, um ihn zu Jubelstürmen zu animieren. Vollkommen ekstatisch beklatscht, bejohlt und behüpft er ab dem Moment, in dem das erste Scheinwerferlicht den Raum erhellt, bis zum Ende des Abends jede Bewegung auf der Bühne. Das ist ein bisschen unheimlich – und sorgt schlimmstenfalls dafür, dass die Vorband eine Zugabe gibt.

Balkon-Bitches (BB)
Es muss wohl mindestens einen mir unbekannten Film geben, in dem der Bühnenstar am Ende des Abends ins Publikum deutet. Das Scheinwerferlicht folgt seinem zitternden Finger und verharrt auf einer jungen Frau in der Menge, flackert neckisch auf ihrem tiefen Dekolletee und der Künstler gesteht ihr vor allen seine Liebe – oder deutet zumindest an, sie dürfe nachher in seinem Hotelzimmer vorbeikommen. Nur so erklärt sich die Hoffnung derer, die sich – in aller Regel auf der Empore oder Galerie des Konzertsaals – am Geländer drapieren. Alleine, in engen, kurzen Kleidchen, die mehr enthüllen als sie erahnen lassen, hängen die BBs gen Bühne, schmachten, schütteln ihr Haar, lassen die Brüste wogen – und man möchte ihnen zurufen: Mal von der Bühne aus in einen Scheinwerfer geglotzt? Für den Typ da unten bist du nichts als ein Lichtklecks. Doch man schweigt. Höflich.

Plakat-Hochhalter
Nichts gegen ein hübsch gestaltetes Plakat – und es ist mir prinzipiell ja auch egal, von wem meine Banknachbarin ein Kind haben möchte. Aber ob die Werbung den Adressaten tatsächlich erreicht – siehe BBs und die Sache mit dem Scheinwerferlicht…

Getränke-Verschütter
Mir persönlich eine besondere Freude sind Gruppen von sagen wir zehn, zwölf Konzertbesuchern, die sich Stunden vorm musikalischen Anstoß ein gemeinsames Plätzchen suchen – und dann im Zehnminuten-Takt einen aus der Gruppe für alle zum Bierholen schicken. Da selten eine ausgelernte Oktoberfest-Fachkraft darunter ist, kommen von den georderten zwölf Bieren in der Regel etwa die Hälfte halbleer an, der Rest klebt auf Blusen und im Haupthaar der Umstehenden. Das ist umso witziger, wenn der unerwartete Schwall von vorne, hinten oder oben noch mit einem kichernden, „hups, sorry, hattest du heute schon geduscht?“ begleitet wird.

Sitzplatz-Steher
Man kann zu einem Thema ja bekanntlich mindestens zwei Meinungen haben – auch als eine Person. Sprich, wenn zwei dasselbe sagen ist es noch lange nicht das gleiche und ich bin beispielsweise der Meinung, wenn es das Spiel verlangt, ist im Fußballstadion zumindest vorübergehend jeder Sitz- ein Stehplatz. Aber das ist ja auch eine 14-tägig wiederkehrende Veranstaltung, bei der man irgendwann die Nachbarn kennt. Was Konzertsäle angeht, steckt aber doch ein verdammtes Konzept dahinter, dass Veranstalter neben Stehkarten auch solche für Sitzplätze verkaufen, die in der Regel zudem teurer sind. Denen möchte ja niemand untersagen, zwischendurch für einen Song aufzustehen oder bei der schlussendlichen Zugabe zu hüpfen. Aber wenn jemand direkt beim ersten Lied aufspringt, den Rest des Konzertes seinen Platz nie wieder einnimmt und auf höfliche Bitten der Konzertbesucher hinter sich mit Beschimpfungen dahingehend reagiert, sie sollten sich um einen Platz im Altenheim bewerben – dann kann es sich nur um ein Sitzplatz-Steher handeln.

Geschichtsschreiber
Kein Abend ist so langweilig, als dass es sich nicht lohnt, ihn mindestens achtzigfach abzulichten, zu kommentieren und weiterzuverbreiten. Was den Konzertbesuchern vor 30 Jahren die Wunderkerze, ist heute die Beleuchtung im Handydisplay. Richtig dunkel ist es eigentlich nie im Saal, weil die Generation iPhoneAndroidNokia auch in der Masse nicht alleine sein kann, und erst Ruhe gibt, wenn der letzte Ersatzakku gestorben ist.

Zwangsbegleiter
Zu erkennen am gequälten Gesichtsausdruck. Können den Künstler nicht leiden, haben die Karten aber von der Schwester ihrer Frau zum 12. Hochzeitstag geschenkt bekommen – war natürlich ein Tipp der werten Gattin. Haben aber vor Jahren mal behauptet, Caught in the Act auch toll zu finden und kommen aus der Nummer deswegen nicht mehr raus. Trinken aus Frust so viel, dass sie am Ende des Abends neben ihrer euphorisierten Gattin sofort schnarchend einschlafen.

Vorspielbegleiter
Zu erkennen an ihrem seligen Grinsen. Haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Caught in the Act grauenvoll finden und sind trotzdem mitgekommen – ihrer Gattin zuliebe. Der haben sie die Karten zum zehnten Hochzeitstag geschenkt. Trinken in Maßen, damit sie am Ende des Abends keinesfalls einschlafen, wenn sie neben ihrer euphorisierten Liebsten auf die Matratze sinken...

*



Dienstag, 25. Oktober 2011

Bis ans Ende der Nacht

Als ich das Gelände der Universitätsmedizin Mainz betrete, wird mir zum ersten Mal klar, worauf ich mich eingelassen habe – nicht nur freiwillig, sondern aus eigener Initiative. Ich mag keine Kliniken, habe zu viele Stunden meines Lebens damit verbracht, dort um meine Lieben zu bangen. Der Geruch von Krankenhausbettwäsche schnürt mir die Kehle zu, der Blick in einen Klinikflur lässt meine Augen überlaufen. Und jetzt? Eine Nacht lang werde ich einen Medizinstudenten im Praktischen Jahr (PJ) durch seinen Dienst begleiten – und diese Nacht beginnt um 15.30 und endet am nächsten Tag um 8 Uhr mit der Frühbesprechung. Sechzehneinhalb Stunden im Krankenhaus? Ich muss verrückt sein.

Sieht aus wie echt, hält aber die erste OP nicht durch.
„Mein“ Dienst beginnt mit Händeschütteln, ein Hallo vom Oberarzt, kurze Vorstellungsrunde mit dem Team, das augenscheinlich nicht so genau weiß, was es von meiner Anwesenheit halten soll. Einigung mit dem PJler – wir können doch du sagen? Prima. Bevor es wirklich losgeht, brauche ich einen Kittel, den mir mein Protagonist Konstantin per Chipkarte aus einem Automaten zieht. Kaum bin ich in den ersten Kittel geschlüpft, wird mir schon ein zweiter angehalten: Beim Besuch der Intensivstation trägt das Team rosa, mich eingeschlossen. Die Kittel werden am Rücken geschnürt, an den Handgelenken schließen sie mit Frotteebündchen; wie meine Kinderschlafanzüge, früher – diese Erinnerung tröstet mich beim Gang über Flure, auf denen ich sonst wenig Tröstliches entdecke.

Lassen Sie uns durch, wir sind Arzt
Danach – Visite auf der Station; noch mehr Ärzte. Ich füge mich nahtlos in den Tross, wundere mich aber, dass meine großen, runden Augen nicht preisgeben, wie neu und ungewohnt alles für mich ist. Die Ärzte sprechen mit den Patienten, und Zimmer um Zimmer bin ich es, an die sich die Angehörigen halten. „Ich bin so froh, dass es kein Tumorbefund ist“, murmelt eine Frau mit feuchten Augen und greift nach meinem Arm. Ich berühre sanft ihre Hand, erwidere ihren Blick, nicke und schweige. Im Flur scherzt der Oberarzt, wer schweigend im Hintergrund bleibe, werde im Zweifel immer für den Chef gehalten – die Kittel machen uns scheinbar gleich, obwohl meinem das Namensschild fehlt.

Beim anschließenden Blutabnehmen rührt sich mein Magen; der Patient hat sichtlich Schmerzen, ich fühle mich beklommen. Ein anderer Patient wird fertig gemacht für das Team der Palliativstation, auf die er umsiedelt – sein letzter Umzug, denn der Krebs ist so weit fortgeschritten, dass die Ärzte nichts anderes mehr tun können, als ihm das Sterben zu erleichtern. Mir ist zum Heulen zumute.

War spät gestern…

Bis auf die Unterwäsche
Es folgt eine Theorieeinheit – beackern der Patientendaten am Computer, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dazu Bananen aus dem Kühlschrank. Dann plötzlich, Schluss mit Theorie: die erste OP. „Du musst dich komplett ausziehen in der Schleuse und die OP-Kleidung an“, erklärt mir Konstantin. Ich tripple von einem Fuß auf den anderen, komme mir reichlich blöde vor, frage vorsichtshalber trotzdem nach: „Auch die Unterwäsche?“ Die Männer kichern. Nein, die darf ich anbehalten. In der Schleuse sind alle Geräusche gedämmt. Ich greife mir eine Hose aus dem Regal – zu groß. Falte sie vorsichtig wieder zusammen und nehme mir eine kleinere. Die Kleider sind steif und kühl auf der Haut, ich nehme zum ersten Mal in dieser Nacht meine Ohrringe ab und suche mir aus der Vielzahl der OP-Schuhe ein Paar heraus, das nicht mit Buttons verziert ist oder mit einem Namen beschriftet.

Obwohl ich die Operation vor allem auf dem Bildschirm über dem OP-Tisch verfolge, stehe ich ganz nah am Patienten – würde ich die Hand ausstrecken, ich könnte ihn berühren. Stattdessen stemme ich beide Hände in meinen Rücken, wie um mir selbst Halt zu geben: Der Geruch hier drin ist streng, die Bilder aus dem Inneren des Patienten fremd – und zu sehen, wie die Ärzte mit ihren Geräten in seinem Bauch stecken, weil sie durch dessen Decke operieren, macht meinen Kopf so leicht, dass ich kurz befürchte, einfach umzufallen. Dann entdecke ich die Leber des Patienten, dunkel und glänzend, und so schön, dass ich mir vornehme, auf meine in Zukunft besser zu achten. Beinahe hätte ich die OP so bis zum Schluss durchgehalten, als aber plötzlich Flüssigkeit aus der Gallenblase läuft und es im Saal nach verschmortem Fleisch zu riechen beginnt, flüchte ich in die Kaffeeküche.

Hilft, die Nacht durchzustehen: Kaffee für alle!

Blutig – für Journalisten kein Zutritt
Dass ich am Ende kneifen musste ärgert mich, zumal ich bei der nächsten Operation erst gar keinen Zutritt habe – zu blutig. Stattdessen lässt mich einer der Ärzte an einem Simulator selbst „operieren“ üben, aber ich kriege die Bewegungen im dreidimensionalen Computerraum nicht hin und hätte alle meine Patienten umgebracht. Es folgen Stunden in der Notaufnahme – ich habe im Kopf, dass wir nach 23 Uhr nirgends mehr Essen bestellen können und seufze innerlich laut auf, als um kurz vor elf eine Patientin kommt und damit besiegelt, das Essen fällt heute Nacht aus.

Dafür halte ich die nächste OP durch, stehe mit eisernem Willen ganz nah am Tisch und zwinge mich, die Augen offenzuhalten, egal wie leicht mein Kopf zwischendurch auch wird. Die Nachtschwestern nehmen meine Anwesenheit beim zweiten Mal bereits als völlig selbstverständlich hin und auch das Ärzteteam hat sich merklich an mich gewöhnt, hält sich mit Scherzen nicht weiter zurück. Nur gelegentlich die glucksende Bitte, „das aber so nicht schreiben“. Dafür bricht bei den Männern nach und nach die Fürsorge durch – ich werde mit Brötchen und Kaffee versorgt und die Vier bieten mir an, den Rest der Nacht abzukürzen, indem ich einfach schon mal in mein Bett krieche. Doch das kommt nicht in Frage.

Queen of the Augenring
Stattdessen eine weitere Operation, inzwischen ist die Schleuse Routine, am OP-Tisch allerdings wird mir immer noch flau. Es ist kurz nach fünf Uhr, Konstantin näht, ich helfe den Schwestern mit dem Müll, reibe mir dabei verstohlen die Augen. „Geh schlafen“, sagt einer der Ärzte und diesmal wehre ich mich nicht, denn ich weiß, auch das Team legt sich nach dieser OP hin – wenn auch nur kurz, um viertel nach sieben ist Treffen für die Morgenvisite. Durch die Notaufnahme tapse ich zu dem Zimmer, in dem ich schlafe – halb hatte ich, geprägt von US-Medizinserien, einen Raum voller Hochbetten erwartet: Doch zum Glück bin ich für mich. Süße 90 Minuten, dann heißt es aufstehen und zurück auf die Station.

Schlaf ist kein Ersatz für Kaffee. (Fotos: WP)
Den Ärzten ist die Routine mit kurzen Schlafnächten anzumerken, sie wirken alle deutlich frischer als ich, die ich ihnen über die Flure hinterher-schlafwandle. Als ich später zu meinem Auto laufe, bin ich gleich doppelt froh: Darüber, dass es nicht Teil meines Berufes ist, mir dauernd die Nacht um die Ohren schlagen zu müssen. Und darüber, dass es Teil meines Berufes ist, eine solche Nacht miterleben zu dürfen, um anschließend darüber zu schreiben.

*



Sonntag, 13. Juni 2010

Wir waren Helden

Egal ob eine Geschichte, Beziehung oder Lebensphase sich besonders gut oder richtig schlecht entwickelt, irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragt: Wie hat das eigentlich alles angefangen? So wird das emotionale Archiv durchstöbert nach Bildern, Worten und Gefühlen, die der Gegenwart ihre Geschichte geben: Der eine Moment, in dem man sich aus vollem Herzen für diesen Beruf entschied, die Gewissheit, in genau dieser Stadt leben zu wollen, jene Reise, die dem Leben eine andere Richtung gab – oder das zärtlich geflüsterte Bekenntnis, woran man sich beim anderen zuallererst verliebt hat.
Der Philipp! Der Philipp!

Im Bezug auf die Freundschaften, an die mich mein Herz mit jedem einzelnen, stetig sich beschleunigenden Pochen auf dem Weg zum ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2010 intensiver erinnert, kann ich das nicht sagen: Obwohl ich zeitlich in etwa einordnen kann, wann wir aufeinandergeprallt sind, habe ich keine Bilder bestimmter Momente, die sich nach Kennenlernen anfühlen, keine Erinnerung an erste Small-Talks – im Grunde nicht einmal daran, wie wir zusammenwuchsen, und im Lärm des uns umgebenden Lebens feststellten, wie sehr unsere persönlichen Melodien einander glichen. 

Alles, was ich sagen kann, ist, irgendwann war es da – dieses unbeschwerte Gefühl von Zusammengehörigkeit im Bauch der Gruppe. Die süße Gewissheit, dass diese große, tiefe Freundschaft außergewöhnlich war – und wir sie dennoch als selbstverständlich begreifen durften. Und die beruhigende Sicherheit, künftig ein Zuhause zu haben, an jedem Ort, der einem von uns je Heimat würde; dabei ist es geblieben.
Aus dem Hintergrund müsste…

Wir waren zehn und wir waren zwölf, wir waren elf und wir waren dreizehn. Frauen und Männer stießen zur Gruppe dazu, weil die Liebe zu einem von uns sie in unsere Mitte spülte – und verschwanden wieder, mal begleitet von Bedauern, mal von Erleichterung. Im tiefen, festen Kern aber sind wir acht plus zwei Halbe geblieben, somit quasi neun (zugleich die fest geglaubte Glückszahl von mindestens Zweien aus unserer Mitte, deshalb umso passender) – und der Sommer 2006 war unser Sommer, unser wochenlanger Höhepunkt, unser Hitzefrei von der Verantwortung des Lebens.


… der Philipp schießen!
Selbst im nostalgischsten Rückblick überlebt das Wissen, es war keine grundsätzliche Unbeschwertheit dieser Zeit, die uns so euphorisierte – denn unbeschwert ist sie im Kern nicht gewesen. Immerhin, das Studium lag uns teils bereits in der Vergangenheit, Tastaturen glühten unter Bewerbungen und Anschreiben, unsere Köpfe von der Vorbereitung auf Auswahlverfahren oder den Problemen individueller Beziehungen. Familien wurden von Schicksalsschlägen erschüttert, unser unverrüttbares Vertrauen in uns selbst und einander auf die Probe gestellt. Wie ein frisch aus dem Nest geplumpster Vogel, der nun neugierig von Baum zu Baum flattert, setzte Einer Woche um Monat neue Frauen in unsere Mitte und eine Liebe, die haltlos sich verpochte, machte Fronten auf, wo wir geschlossen stehen wollten. Eine Krankheit drohte, von der wir noch nichts wussten, neun Leben warteten, auf die wir neugierig waren, doch die uns zugleich bange werden ließen – und in diesem lebendigen Chaos trugen wir uns selbst und einander durch die gemeinsame Heimat spazieren.

Ist es ein Junge? Ist es ein…
Woche um Woche, Tag um Tag, rückte dabei das große Fußballfest näher und so sehr uns die Zugehörigkeit zu Bundesligavereinen trennte, einte uns die Liebe zu diesem Sport. So flogen unzählige Mails wie sanft getretene Pässe zwischen uns, ließen wir uns ein auf die Vorfreude und Begeisterung, und waren verschworen in der Begeisterung für die WM. Vor dem ersten Spiel saßen wir Sandwich kauend und Herzschläge zählend beieinander, bewegten uns schließlich, die Fahnen noch deutlich ungelenk in den Händen und über den Schultern, zum ersten gemeinsamen Leinwandstarren, und fielen uns atemlos und ungläubig in die Arme, als Philipp Lahm in der Hitze eines Sommernachmittages das erste Tor der WM schoss. Alles war Taumel, Staunen und Freude, wir waren alle und alles war gut.

... Mädchen? Es ist ein Tor!
Denke ich an den WM-Sommer 2006, erinnere ich die Hitze, die uns tagsüber die Haut verbrannte, und mit dem Einbruch der Dunkelheit die Sommernächte lau färbte. Ich denke an S-Bahnfahrten zu umspannenderen Leinwänden in größeren Städten, an Sonne, die sich in Rhein und Main bricht oder unseren Brillen spiegelt. Ich erinnere Musik, die jede Straße zu erfüllen schien, schimmernde Becks-Flaschen, von denen wir zu Unzeiten die Korken ploppen ließen, Begegnungen mit Fans aus aller Welt. Mein Herz genießt den Rückblick auf meine Stadt im Ausnahmezustand, auf Fußballabende in großen, über Ecken verbandelten Gruppen, die zusammenwuchsen an diesem Ereignis. Ich denke an überraschende, stille Momente, erinnere mich an ungezählte Beine, die beim erlösenden Tor im Spiel gegen Polen beinahe synchron vor dem Sofa ins Spalier springen, an Umarmungen, heimlich getauschte Küsse, begeisterte nächtliche Züge durch die niemals ruhende Stadt – und eine Euphorie, die alles andere anhielt, für einen langen, unvergesslichen Moment. 

Vor allem aber denke ich an siebeneinhalb-einhalb Menschen, die mein Leben verändert haben; denen ich so viel zu verdanken habe; mit denen mich Freundschaften verbinden, die in ihrer Intensität ebenso wie ihrem Charakter unfassbar verschieden sind – doch von denen ich keine je missen möchte; an denen mein Herz wachsen durfte und meine Seele sich anlehnen.

Daran werde ich denken, und darum werde ich hüpfen, bei jedem „unserer“ Tore in den kommenden Wochen. Damit es die Jogi-Elf ins Finale schafft – und meine persönliche neuneinhalb aus diesem Anlass vor eine Leinwand. Noch vor dem Herbsttreffen, das hoffentlich so unvermeidlich ist wie in den letzten Jahren; das wünsche ich mir. Immerhin – der Name verpflichtet. Und ich bin nicht umsonst die Nostalgiebeauftragte.

*



Samstag, 12. September 2009

Freitag + Ikea + Tchibo = Singlefrust³

Als Single durchläuft man verschiedene Phasen. Mal findet man diese Lebenssituation mehr, mal weniger toll. Manchmal drängen sich die Vorteile geradezu auf, dann wiederum lassen sich die Nachteile nicht übersehen. Sich nach niemandem richten zu müssen kann unheimlich entspannend sein – beizeiten würde man aber seinen ganzen Stundenplan auf einen anderen Menschen einstellen, nur, um sonntags nicht alleine zu sein. Vermutlich die selben Schwankungen, die man in einer Beziehung auch durchmacht – nur von der anderen Seite betrachtet.

Der Frust ist trotzdem ein anderer. In einer Beziehung hat man diesen mit etwas, das einen stört, ärgert, verletzt oder nervt – und womit man in irgendeiner Form umgehen muss, damit die eigene Seele, das eigene Leben wieder Gleichgewicht findet. Der Frust beim Single hat hingegen mehr mit Mangelverwaltung zu tun, damit, dass etwas fehlt – und bekommt so manchmal etwas Hektisches: Wer sich alleine fühlt, kann keinen Menschen aus dem Ärmel schütteln, dasselbe gilt für Nähe und Zweisamkeit. Entweder stopft man also die Lücke mit etwas, wovon man weiß, es passt nicht, ist nur Ersatz(handlung) – oder aber, man arrangiert sich irgendwie mit dem tauben Gefühl, dass da etwas fehlt.

Wer sich gerade in der „Leben-mit-Lücke“-Phase befindet, sollte eines auf jeden Fall meiden – Ikea-Warenhäuser; speziell an einem Freitagabend. Für die Solo-Dame ist ein Ikea-Besuch ohnehin schon grenzwertig, zumindest, wenn sie nicht mit außerordentlichem handwerklichen Geschick gesegnet ist. Ich für meinen Teil kann in der Wohnung ziemlich viel alleine regeln, aber spätestens, wenn Strom ins Spiel kommt, muss ich passen.

Natürlich sehe ich beim Bummel durch die Katalogwohnungen in aller Regel Lampen, die wundervoll in meine Wohnung passen würde – aber bestenfalls direkt eine neue Leitung bräuchten; wenigstens eine Kabelkürzung. Oder große, sperrige, schwere Sachen, die ich alleine nicht einmal zum Auto bekäme. Wieso die Jungs bei Ikea nicht für ein paar Euro Tüten- und Kistenträger anbieten, ist mir ein Rätsel; was erstmal im Kundenkofferraum verschwindet, ist doch verkauft – und wie das Zeug dann in die heimischen Wohnungen kommt, darüber müssen die Schweden sich ja keine Gedanken mehr machen…

Nun also, Ikea. Und Hotdogs, das alleine ist schon ein Grund; und es hat Ausflugscharakter, das blaue Gebäude mit den gelben Buchstaben zu betreten. Wie früher, als Kind, nur dass ich mir heute Dinge kaufen kann, statt darum bitten zu müssen. Dafür muss ich sie natürlich auch selbst bezahlen. Und außerdem, außerdem war ich als Kind auch niemals alleine hier, so wie heute, mutterseelenallein, noch nichtmal ein Hotdog – die Schlange war zu lang.

„Schatz, guck mal, die Kissen würden doch super ins Wohnzimmer passen, oder?“ Na klar, direkt neben mir positioniert sich ein Pärchen, offenbar kurz nach Bezug der ersten gemeinsamen Wohnung. Noch ein bisschen high und mit viel Zucker in der Stimme.

Er: „Hmmh.“
Sie: „Guck mal, das lindgrün, ganz toll zu der roten Wand.“
Er: „Joah.“ (nimmt ein Kissen, guckt skeptisch)
Sie: „Gefällt dir nicht, Bärchen?“

Bärchen? Also ehrlich! Lindgrüne Kissen? Ach komm! Rote Wände? Nicht euer Ernst… Kommt, jetzt mault euch mal ein bisschen an, damit ich auch was davon habe.

Er (betrübt): „Ich finde die halt nicht so schön.“
Sie (tröstend): „Das macht doch nix, du. Dann nehmen wir andere.“
Heftiges, von ihr initiiertes Knutschen.
Sie: „Alles okay, mein Bär?“
Er (lächelnd): „Mhm!“
Greift die lindgrünen Kissen, packt sie in den Wagen.
Sie: „Aber was machst du denn?“
Er: „Wenn sie dir doch gefallen, Puppe.“
Erneut heftiges Knutschen.

Mir ist ein bisschen übel. Ich will keine lindgrünen Kissen und keine rote Wand. Ich will bei Gott keinen Typen, der sich Bärchen nennen lässt – und ich bin auch ziemlich weit entfernt von der Vorstellung einer Bärchen, äh: Pärchenwohnung. Aber dieses eeeklige Glitzern, was die beiden gerade in den Augen hatten… Seufz. Und dann natürlich: knutschen.

Stattdessen tröpfle ich an die Kasse, wo ich genau die zwei Teile zahle, die auf meinem Einkaufszettel standen – alleine das ist ein Zeichen dafür, dass ich es am Ende eilig damit hatte, aus dem Laden zu kommen. Nicht einmal einen Hotdog habe ich mir noch geholt, das will wirklich etwas heißen. Stattdessen, so beschließe ich, gibt es einen Blaubeermuffin von Tchibo: Niemand backt Blaubeermuffins wie Tchibo, zumindest niemand, der sie hinterher zum Verkauf in der Mainzer Innenstadt anbietet.

In dem kleinen Laden rückt mir bei der Betrachtung der Wochenangebote die Verkäuferin auf die Pelle, und ich fange unmerklich an, mit den Zähnen zu knirschen. Ich habe mal gelesen, in solchen Situationen solle es hilfreich sein, sich Goethes Zauberlehrling vorzusagen: Walle, walle undsoweiter – aber den habe ich leider niemals auswendig gelernt. Also: Flucht. Aber nicht ohne meinen Blaubeermuffin.

„War es das bei ihnen?“
„Nein, ich hätte gerne noch einen Muffin, Blaubeer.“
„Da gibt es heute zwei zum Preis von einem.“
„Danke, aber einer reicht mir.“
„Aber Sie müssen nur einen zahlen und bekommen zwei.“
„Das habe ich schon verstanden.“
„Also zwei?“
„Nein, danke.“

Die Verkäuferin mustert mich, als sei sie sich immer noch nicht sicher, ob ich ihr Angebot begriffen habe.

„Es macht keinen Unterschied. Ich berechne Ihnen jetzt einen – und sie können dafür zwei mitnehmen.“
„Das ist sehr freundlich, aber ich kann eh' nur einen essen.“
„Dann verschenken Sie doch den zweiten.“

Ich habe das Gefühl, aus den Augenwinkeln sehen zu können, wie meine Pulsader arbeitet. Entweder drücke ich mich verdammt unverständlich aus, oder die Verkäuferinnen werden hier ordentlich darauf gebrieft, ihre Sonderangebote zu bewerben.

„Ich möchte bitte nur einen Muffin. Sie können ja einen verschenken.“
„Ich versuche ja gerade, Ihnen einen zu schenken.“

Und dann, zielsicher:

„Wieso bringen Sie ihn nicht Zuhause jemandem mit, der sich darüber freut?“

In solchen Momenten setzt die Realität für einen kurzen Moment aus und dafür ein kleiner Film ein. Darin springe ich über die Theke, schüttle die Verkäuferin an ihrer steifgebügelten Bluse und brülle: „Sagen Sie mal, sind Sie vollkommen bescheuert, oder was? Wie oft soll ich denn noch sagen, dass ich den dämlichen Muffin nicht will? Und schon gar nicht, um ihn Zuhause jemandem mitzubringen, sie Schnalle! Da ist nämlich niemand, kapiert? Ich wohne allein, ich bin allein und niemand, niemand interessiert sich, wenn ich gleich heimkomme, für meinen zweiten Blaubeermuffin, du aufdringliche, doofe Grinsebacke!“

Stattdessen lächle ich.
Nicke kurz.
Und verlasse den Laden mit zwei Muffins.

Von wegen Mangelverwaltung…

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Samstag, 29. August 2009

MfG, Marcus Wiebusch

Das gute Astra! (Foto: WP)
Eine Freundin von mir wohnt seit einiger Zeit in Hamburg. Vor Kurzem kam sie mich in Mainz besuchen, und weil ich ein großer Fan von ASTRA bin, erstens, und sie und ich zweitens vor einer Weile ein sehr schönes Wochenende gemeinsam in Barmbek verbracht haben, wollte sie mir unbedingt ein Astra frisch aus Hamburg mitbringen. Und zwar nicht irgendeines, sondern die Flasche mit den Barmbeker Geburtstagsgrüßen zu 100 Jahren Astra.

Als sie nun aber des nächtens irgendwo in einer hanseatischen Bierbude ins Regal griff, stand da nur noch ein einziges Barmbek-Astra – nach dem allerdings neben ihrer eigenen Hand auch eine zweite griff: die von Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch. Der wollte zwar auch furchtbar gerne das kleine, drollige Astra mitnehmen (es war insgesamt das letzte verfügbare), ließ sich aber mit der Geschichte von der Mainzer Freundin, die unbedingt damit beglückt werden muss, weichklopfen – und verzichtete.

Also, herzlichen Dank dafür – und: das Bier ist angekommen!

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