Die Bundesliga-Hinrunde der laufenden Saison ist aus der Sicht des 1. FSV Mainz 05 schnell erzählt. Sie begann mit einem fulminanten Saisonauftakt im Rahmen des Freundschaftsspiels gegen die erste Mannschaft des FC Liverpool, das die Mainzer 5:0 gewannen. Es folgte der Saisonauftakt gegen Bochum mit einem weiteren Sieg, wenn der auch mit 2:1 weniger deutlich ausfiel – und danach ein äußerst befriedigendes Unentschieden gegen und vor allem in Dortmund.
Die Fans waren glücklich und der Fußballhimmel hing voll mit genialen Torchancen. Wer wollte da schon auf die mahnenden Worte des Trainers Jürgen Klopp – und auch einiger Spieler – hören, die bald darauf verwiesen, es sei töricht zu glauben, man würde in dieser Saison irgendwo da oben mitspielen? Niemand...
Auf den Sieg gegen Bochum und das Unentschieden gegen (und in...) Dortmund folgten sieben weitere Unentschieden und acht Niederlagen. Und am Ende der ersten Saisonhälfte fanden sich die Mainzer auf dem Platz im untersten Tabellenkeller wieder, von den Fans der Liga spöttelnd die „rote Laterne“ genannt: nur elf Zähler hatten die Jungs von Jürgen Klopp aufzuweisen – und dazu auch noch das schlechteste Torverhältnis aller Teams auf den drei Abstiegsplätzen.
Die Abgänge zum Saisonbeginn, soviel war mittlerweile jedem klar, waren vom Team doch schlechter verkraftet worden, als es der Beginn der Hinrunde glauben gemacht hatte. Vor allem da Silva und seine kreativen Ideen im Mittelfeld, aber auch die zuletzt oft gefährlich gewordenen Freistöße fehlten – ebenso schmerzlich wie der abgewanderte Sturm. Während die Neueinkäufe zunächst selten (Feulner) oder gar nicht (Diakité) überzeugen konnten.
Und im Mainzer Fastnachtsmotto „Mainz wie es singt und lacht“ hatten clevere Sportreporter das G längst durch ein K ausgetauscht: und ließen die Mainzer nun absaufen statt trällern. Die Ruhe bewahrte in dieser Zeit, wie stets, sowohl die Vereinsleitung, als auch der Trainer mit dem „sichersten Job der Liga“ – doch wie zuvor in den guten Zeiten, wollten viele auch jetzt, als er Durchhalteparolen predigte, nicht auf Kloppo hören.
Aus einigen Sportredaktionen erklang indes auch schon die vage Andeutung, Mainz 05 solle es sich wohl überlegen, ob eine Investition in den Kampf gegen den Abstieg überhaupt noch Früchte tragen könnte, oder ob es nicht sinnvoller sei, sich direkt für eine sicherlich folgende Saison in der zweiten Liga zu rüsten – und das Unternehmen Klassenerhalt ad acta zu legen. Von all dem scheinbar unbeeindruckt bastelten Trainer Klopp und Manager Heidel hinter den Kulissen längst schon an ihren Vorstellungen vom perfekten Rückrundenteam, mit dem der Abstieg: eben doch noch abzuwenden sein sollte.
Und was in der Vorbereitung auf die Saison durch einige mehr oder weniger überraschende Abgänge nicht geglückt war, nämlich in Ruhe nach Spielern zu schauen, mit denen man die ziehenden adäquat ersetzen konnte, schien nun Form anzunehmen: der Transfer des Bremers Zidan, in der vergangenen Saison bereits leihweise für die Mainzer im Einsatz, gelang im zweiten Anlauf endlich, ebenso wie ein Leihgeschäft mit seinem Mannschaftskollegen Andreasen, der die Mainzer nun bis zum Saisonende verstärken wird.
Außerdem wurde das Mittelfeld mit Elkin Soto aufgerüstet und die Mainzer bewiesen ungewohnte Konsequenz dabei, Spieler, die in der sich neu formierenden Mannschaft keinen Platz mehr finden konnten, an andere Vereine zu verkaufen, auszuleihen oder sie freizustellen.
Und auch die Fans zogen: wieder und weiter. Ließen sich begeistern von den Gerüchten und späteren Bestätigungen der gelungenen Transfers, verpackten die liebevollen Weihnachtstransparente, auf denen sie der Mannschaft ein „ich geh mit meiner Laterne“ verkündet hatten – und entwarfen neue, passend zum frischen Wind im Team: Mission Possible 15 – der 15. Platz, Klassenerhalt, ist möglich. Wir glauben an euch.
Und mit dem ersten Spieltag der Rückrunde begann das Mainzer Wunder. Zuerst wurden die Bochumer in einem packenden Spiel mit 1:0 geschlagen. Ein hart erarbeiteter Sieg, dem jedoch trotz aller Euphorie noch niemandem zu viel Bedeutung beimessen wollte – immerhin, Bochum zu schlagen, das hatte ja sogar in der Hinrunde geklappt. Es folgte das Spiel gegen Dortmund, die zuvor noch die sonst so übermächtigen Bayern geschlagen hatten – und wieder siegten die Mainzer mit 1:0. Der erste Heimsieg seit dem Spieltag Nummer eins: Fassenacht am Bruchweg.
Danach ein eher glanzloses Unentschieden gegen die Frankfurter Eintracht, mit dem jedoch beide Teams einerseits zufrieden sein konnten und andererseits auch irgendwie gerechnet hatten, denn immerhin hat man sich im Oberhaus bisher immer unentschieden getrennt. Und dann, am Samstag, das Spiel gegen Cottbus – zum jetzigen Zeitpunkt eine unangenehme, weil verbissen um den eigenen Klassenerhalt kämpfende Mannschaft.
In der ersten Halbzeit lieferten die beiden Teams sich dann auch den erwarteten Fight um die 3 Punkte, die man in Mainz am Bruchweg behalten, die Cottbus aber mit nach Hause nehmen wollte. Nach der Führung von Kloppos Elf durch Andreasen führte ein Ballverlust von Zidan zum schnellen Konter der Cottbuser, der im Ausgleichstor gipfelte. Und gleichzeitig führte diese Aktion zu einer Geste, die kein Mainzer Fan je vergessen wird…
Klopp, der sah, wie sein kleiner Star Zidan sich nach dem Faux Pas quälte, rief den Stürmer an die Seitenlinie, knuffte ihn und flüsterte in die großen Ohren des kleinen Ägypters – der danach auf den Platz zurückkehrte und postwendend das 2:1 schoss. Den bald darauf fälligen Elfmeter sicher verwandelte. Und in der zweiten Halbzeit auch noch das 4:1 draufsetzte.
Selten war eine kollektive Erleichterung so spürbar, wie in diesen Momenten oben am Bruchweg. Selten sahen 18.000 Gesichter so entspannt und absolut glücklich aus wie in den letzten 20 Minuten an diesem Spieltag. Der Sieg gegen die Cottbuser war am Ende kein Arbeitssieg, sondern ein Kunststück, das wirkte, wie ein Geschenk des Teams an die Fans, die in der Vorrunde so tapfer hinter ihrer Mannschaft gestanden hatten.
Niemand, der sich schon länger mit Fußball beschäftigt, wird so leichtsinnig sein zu behaupten, damit sei der Klassenerhalt gemachte Sache. Im Gegenteil liegt eine lange, kämpferische Phase vor dem Team – zumal es nun auch wieder: Erwartungen enttäuschen kann. Und trotzdem war dies ein Freudentaumel zur rechten Zeit, hat das Spiel die bisher verträumt wirkenden Fan-Hoffnungen auf ein solides Grundwerk gebaut, waren diese 90 Minuten: magisch. Und deshalb auch unvergesslich.
Danke, Jungs.
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