Freitag, 28. November 2008

Ding’, dong’, die Hex’ ist tot

Dies ist die Geschichte über den Tag, an dem ich meine Mutter umgebracht habe. Ich hatte das vorher nicht etwa geplant, um ehrlich zu sein, ich hatte nicht ein mal einen Gedanken daran verschwendet. Es ist ganz wie von selbst passiert, fast möchte ich sagen: intuitiv. Aus der Situation heraus. Und sozusagen spontan.

An dem Tag, als ich also ganz ohne vorherige Planung meine Mutter umgebracht habe, ist es angenehm warm gewesen. Die Sonne hat mit lachenden Backen vom Himmel gestrahlt und kein Wölkchen war im lichten Blau zu sehen. Die Luft flimmerte noch leicht von der nachlassenden Hitze und es zog sich ein wohlig zurrendes Geräusch durch den Beginn der Abendstunden in der lebendigen Innenstadt, von den Stimmen der Menschen, den Motoren der Autos, dem Tschilpen der Vögel und dem Summen der Insekten.

Auf dem Weg zum Feierabendkino hatte sich mein Magen bemerkbar gemacht und ich daraufhin beschlossen, bei meinem Lieblingsitaliener, der eigentlich Tscheche ist und einen Baguetteshop betreibt, etwas für „auf die Hand“ mitzunehmen. Der Baguetteshop meines italienischen Tschechen liegt an einem kopfsteinbepflasterten Platz, der einen großen Springbrunnen in seiner Mitte hat – und dessen in der Abendsonne besonders intensiver südländischer Flair gaukelte mir den ohnehin schon angenehm aufdringlichen Eindruck, im Urlaub zu sein, fröhlich weiter ins Gemüt.

„Ein Mozzarellabaguette, bitte!“, bestellte ich. Während ich so da stand und auf mein Essen wartete, kam ich, wie zuvor schon oft, mit dem Mann ins Gespräch. Er erzählte mir von seiner Jugend in Tschechien, den vielen Spielen, die er in der alten Heimat auf dem Fußballplatz absolviert hat, seiner Familie. Wenn ich hinter ihm vorbei schielte, konnte ich im Ausschnitt der Essensdurchreiche seine Frau in der Küche werkeln sehen – „meine grrroße Liebe!“, flüsterte er mir da mit einem charmanten Lächeln und rollendem R zu. Und seine warmen Augen strahlten ehrliches Glück aus, als er begann, leidenschaftlich über den Wert der Familie zu sprechen.

Und schließlich auch nach der meinen fragte. Unbefangen erzählte ich ihm von meinen Geschwistern und der innigen Bindung zwischen uns, von den mittlerweile drei Kindern meiner beiden Schwestern und natürlich unserem Vater, der leider gestorben ist – und den wir alle so sehr geliebt haben. „Und ihre Mutter?“, hakte mein Gegenüber da nach. „Meine Mutter, die, also, an die kann ich mich kaum erinnern“, antwortete ich ihm, ein wenig zögerlich. „Sie ist an Darmkrebs gestorben, als ich noch ein kleines Mädchen war.“

Mit dem Baguette übergab der freundliche Mann mir eine Portion Bedauern, darüber dass ich viel zu früh meine Eltern verloren hatte, das lag mir bleischwer auf dem Herzen, als ich seinen Laden verließ. Denn meine Mutter erfreut sich bester Gesundheit – zumindest war das so, als ich sie ein letztes Mal gesehen habe; was allerdings so lange her ist, die Erinnerung daran hat längst zu verblassen begonnen. Was ich dem Mann mit dem Baguette in der Hand erzählt habe, war schlicht gelogen.

Wahr ist, dass wir nicht mehr miteinander sprechen. Weil die Kommunikation zwischen uns über lange Jahre hinweg immer schlechter und quälender geworden war, unser Verhältnis immer schmerzhafter, bis es zuletzt einfach nicht mehr auszuhalten gewesen ist, so verletzend. Weshalb wir den Kontakt abgebrochen haben, miteinander gebrochen, sie und ich, weil wir die Situation nicht mehr ertragen konnten – keine von uns. Wenn ich heute zurückblicke, dann nicht im Zorn, sondern mit leisem Bedauern. Und doch einer tiefen, endgültigen Gewissheit, unten in den Liebesfalten meines Herzens verschlossen, dass dieser Weg der einzig mögliche geworden ist, durch das, was die Vergangenheit einst in einer dunklen Nacht im Garten hinter dem Haus unserer Kindertage vergraben hat.

Die Reaktionen Unbekannter auf den schlichten Satz „meine Mutter und ich, wir haben keinen Kontakt mehr miteinander“ reichen von ungläubig über bedauernd bis unverschämt. Eines aber ziehen sie dabei immer nach sich – endlose Debatten. Fragen über Fragen, mal neugierig, mal ehrlich interessiert. „Erzähl doch mal!“, „Wie war das denn so?“, „Wie geht’s dir denn damit?“, „Willst du denn da nicht noch mal drüber nachdenken?“ Dazu Ratschläge, die mal mehr zum Lachen und mal doch eher zum Heulen sind, Psychologie vom heimischen Küchentisch, hemmungslose Analyseversuche oder pure Ablehnung. Von denen, die alles wissen – und dazu noch besser.

Ich aber will nicht mehr erklären müssen, nicht mehr Teil eines Bildes im Kopf von Fremden sein, die doch nie verstehen, warum ich so oder so handle oder eben nicht. Weil es ihnen fremd bleiben wird, denn die Akte dieser Tragödie haben sich auf dem Grunde meines Herzens abgespielt, ihres aber nicht berührt. Also habe ich meine Mutter umgebracht: mit Darmkrebs. Der ist wenigstens selbsterklärend.

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