Freitag, 16. Januar 2009

Kopf [Stand]


Als sie ihn gesehen hat, ist ihr Kopf stehen geblieben. Ihr Herz ist alleine weiter gelaufen und hat dabei so laut mit den Flügeln geschlagen, dass ihr Kopf ein einziges Dröhnen gewesen wäre. Konnte er dabei aber gar nicht sein – denn er war ja stehen geblieben. Und ihr Herz mit ihr alleine unterwegs, so plötzlich.

Als sie dann vor ihm steht weiß sie, dass ihr Blick alles von ihr verrät, obwohl er seinen Augen aus dem Weg geht. Augen, von denen sie vergessen hat, in welche Farbe sie getaucht wurden. Weil sie nie lange genug schauen konnte, um sich das zu merken, denn mit seinem Blick hält er sie allzu schnell gefangen; sie muss seinen Augen also ausweichen – oder in sie hineinfallen. Gerade aber verbirgt er diese selbst, indem er sie schnell und fest in seine Arme zieht. Ihre Körper berühren sich wie verboten an kostbaren Orten, während sie seinen Geruch aufsaugt, als hielte er sie am Leben.

In ihren Gedanken herrscht Stillstand, auch wenn ihr Kopf zurückgekommen ist. Wie ein fehlendes Puzzleteil fügt der sich nun zwischen seine Schulter und den Hals, unter dessen warmer Haut sie jeden Schlag seines Herzens spüren kann. Sie hatte ihn doch vergessen, endlich... Nun aber liegt sie in diesen Armen, über die sie kaum mehr weiß als von dem unbekannten Boden, auf dem ihre Füße stehen, ein wenig wackeliger nun als wenige Minuten zuvor. Und inhaliert ihn, scheinbar seit Stunden schon, in Wahrheit aber nur für die Kürze eines Momentes, der noch dazu flüchtig auszusehen hat. Als sie sich voneinander lösen, öffnet sie die Augen und merkte so erst, dass diese zuvor geschlossen waren. Und hat dennoch alles erkannt.

Nun aber sieht sie, während beide auseinanderweichen, fast ein wenig erschrocken, über seine Schulter, die sich viel zu schnell von ihrer entfernt – seine Freundin. Er stellt die Frauen einander vor und wieder fällt ihr Blick zu Boden. Doch es wird sie nicht schützen, denn die wilden Flügel schlagen mit einer solchen Heftigkeit ihr Herz durch die bebende Brust, dass sie weiß, die andere kann es sehen – wenn sie es nicht längst geahnt hat. Den Sommer, als nichts passiert ist – und doch alles geschehen.

Er war es, der ihrem Herzen gezeigt hat, es hatte sich in die falschen Netze verstrickt. Nachdem er es befreit hatte, war es bei ihm geblieben. Da es sie ohne selbst in den lauen Sommernächten fröstelte, hatte sie sich zu den beiden gesellt, in jenem August. Und wusste doch nicht, dass da etwas von ihr geblieben war, als sie gehen musste; erkennt es nun, bei einem unvorsichtigen Blick, aber umso deutlicher in seinem.

Aus Angst, sich zu verraten, reden sie über dummes Zeug und geben so doch alles voneinander preis. Nächtelang will sie seiner Stimme lauschen, sollte es auch so sein, dass diese nichts anderes in Worte kleidet, als die Geschichte von der Erfindung des Klosteins. Die Blicke der anderen Frau treten nach ihr und sie schämt sich dafür, dass ihre eigenen keine Fragen offen lassen. Als dann sein raues Lachen erklingt jauchzt ihre Seele in der Erkenntnis, er ist ebenso nervös wie sie. Doch da gehen ihnen die Gründe aus, noch weiter beieinander zu verweilen...

Als sie sich voneinander verabschieden, spürt sie wieder sein Herz, durch seine Haut an ihrem schlagend, während sie der Anderen den Rücken zuwendet. Und bang klopft ihr Herz ihm die Frage gegen die Brust: „Wirst du es mir nachtun?“

*



 

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