Wer Hannes Rudolph lediglich aus dem Augenwinkel an sich vorbeischlendern sieht könnte glauben, er sei ein pubertierendes Mädchen. Das aus seiner wilden, unter Jungs verbrachten Kindheit, nicht zu einer jungen Frau heranwachsen möchte: deshalb die Haare kurz hält, die Kleidung knabenhaft. Männlicher als seine Erscheinung ist da schon die Stimme des Regisseurs. Sein neugieriger, durchdringender Blick indes verrät, der Irrtum würde ihn nicht angreifen – der junge Kreative wirkt beinahe ansteckend desinteressiert an der Meinung anderer Menschen. In seinem Berufsstand sicherlich ein Segen.
In Mainz inszeniert der 31-Jährige derzeit „Leonce und Lena“. Georg Büchner war 22 Jahre alt, als er das Lustspiel, das womöglich unvollständig blieb, zu Papier brachte. Ein knappes Jahr später starb der Schriftsteller in Zürich.
Rudolph wirkt ehrlich beeindruckt, wenn er von „Leonce und Lena“ spricht und erklärt, er erkenne eine enorme „Heutigkeit“ in Büchners Text. „Mich interessiert dieser Figurentypus“, unterstreicht er. „Diese reichen, sehr intelligenten Jugendlichen, die alles haben, können und dürfen“ – und sich doch, wie Leonce, schier zu Tode langweilen. Plötzlich verdunkelt sich das Gesicht des Regisseurs kurz und er erklärt, er könne „vieles daran nachempfinden“.
Vielleicht liegt es daran, dass seine Inszenierung im ohnehin intimen Werkraum des TiC von Anfang an sehr persönlich wirkt. Das Bühnenbild von Tobias Schunck ist schlicht, ohne dabei einfallslos zu bleiben: Einzig Leonces riesiges, schwarzes Bett ziert die Bühne, kombiniert mit dem überdimensionierten Konterfei der fraglosen Hauptfigur im Hintergrund, den Blick vom Zuschauer abgewendet. Vielleicht arrogant, vor allem aber: desinteressiert; auch er.
Leonce (Lukas Piloty) beginnt den Tag mit Zigaretten und Alkohol, als er zerzaust aus seinen Laken krabbelt. Das Bett, zugleich auch Vorratskammer und Bücherregal, wirkt wie ein Boot, das ihm zwar Sicherheit bietet, ihn aber zugleich auf eben die vier Quadratmeter beschränkt. Das Gefühl von Unfreiheit, neben der gnadenlosen Langeweile der zweite Terror im Leben Leonces, berührt unangenehm – und verstärkt sich weiter in den Szenen mit seinem Vater (Zlatko Maltar), der müde und gelähmt vom Regieren im Rollstuhl durchs Königreich fährt.
Der junge Prinz soll heiraten und reagiert darauf mit Entsetzen. Sein bester Freund Valerio (Felix Mühlen) soll ihn aus der Falle seiner eigenen Zukunft retten, doch stoßen dessen Vorschläge bei Leonce zunächst nicht auf Gegenliebe, weshalb er sie, ganz Mitglied der MTV-Generation, mit einem lässigen „next“ ablehnt. Zwar ist davon auszugehen, dass einige der Zuschauer im überhitzten TiC die so zitierte Dating-Show auf MTV nicht kennen, bei der die Kandidaten ihren Liebesbewerbern mit eben jenem Wort die Tür weisen, eine hübsche Idee ist es dennoch – wie viele der unaufdringlichen, kleinen Einfälle, mit denen Rudolph und seine Dramaturgin Katharina Gerschler das Stück gekonnt im Heute platzieren.
Zuletzt entscheiden die Freunde sich für Flucht, wobei Leonce nicht sicher ist vor dem Spott seines besten Freundes, der mit hochgezogenen Augenbrauen darauf verweist, die Welt könne zuweilen mit schrecklicheren Sorgen plagen als der Aussicht auf die Ehe mit einer Prinzessin und das Erbe des Throns. Doch Rudolphs Leonce trägt die eigene Erschütterung ohnehin immer im Wissen um ihre Nichtigkeit zur Schau, und scheint daran gerade erst zu verzweifeln. In einer Zeit, die der Jugend einerseits mit Möglichkeiten weit offen zu stehen scheint, dabei aber auf eine den vorangegangenen Generationen nicht bekannte Weise ein Gefühl von Sicherheit und Zuversicht vermissen lässt, ist Leonce damit einer unter Seinesgleichen.
„Sie kennen alles, bevor sie es erlebt haben. Und der Rasen hinterm Haus ist nie so perfekt wie der, den sie in der Inszenierung dieses tollen Musikvideo gesehen haben“, beschreibt Rudolph selbst die Entwicklung, die in der eigenen Generation schon spürbar war und in der nachwachsenden erst recht durchschlägt. Und darüber, dass zu viele Möglichkeiten und selbst das Wissen darum auch Fluch sein können: „Es entsteht die Tendenz, Dinge zu zerdenken.“
Auch Prinzessin Lena vom Reiche Pipi (Verena Bukal) hat sozusagen Null Bock auf die Ehe und begibt sich ihrerseits mit der Gouvernante (Katja Hirsch), die freilich mehr wie eine beste Freundin wirkt, auf die Flucht. Gackernd und prustend treffen die beiden in Italien auf Leonce und Valerio, wo eben jener gemeinsam mit der Gouvernante Büchners Skript verlässt, und in Leonces allgegenwärtigem Doppelbett zum schmutzigen Liebesspiel abtaucht. Während Leonce und Lena im Dunkeln umeinander stolpern und schleichen, getrieben von einer plötzlichen Anziehung – und doch beinahe unfähig, sie umzusetzen.
Es ist ein starkes, wenngleich zurückgenommenes Ensemble, das da in Mainz auf der TiC-Bühne agiert. Glaubwürdig, nah am Publikum und mit einer fast unangenehmen Offenheit füllen vor allem Piloty als Leonce und Mühlen als Valerio ihre Rollen. Die Damen bleiben dahinter zurück, Rudolph aber damit letztlich Büchner treu; sein König Peter dagegen wächst als vertrottelter, doch determinierter Monarch über die Vorlage hinaus, die beste Leistung bringt indes Johanna Paliatsou auf die Bühne – und das nicht nur, weil sie in eine Vielzahl von Rollen (unter anderem Leonces Geliebte) schlüpft. Mit ihrer Darstellung des gemeinen, unterdrückten Volkes, die darin gipfelt, dass sie Valerios auf offener Bühne abgefüllten Urin austrinkt, verleiht sie ihren Figuren ein klein wenig Würde, obgleich sie freilich keine Antwort parat hat auf die dringlichste Frage, die ihre Figuren aufwerfen – warum bleibt der Hund bei dem Herrchen, das ihn tritt.
Ein wenig ist sie damit der rote Faden in einem Stück, das Zustände abbildet und Fragen aufwirft, ohne dabei Antworten zu finden oder Lösungen zu präsentieren. Man kann also Rudolph zweifellos den Vorwurf machen, dass es ihm offenbar an Mut fehlte, mit seiner Inszenierung eindeutig Position zu beziehen – das träfe dann allerdings auch auf Büchners Vorlage zu. Zudem verhehlt die Inszenierung niemals ihre Ratlosigkeit über die Entwicklung, die sie abbildet. Vielmehr gibt sie diese durchaus bewusst an den Zuschauer weiter – der schließlich seine eigenen Antworten finden muss.
Termine: heute, 18 Uhr, Samstag, 2. Mai, 20 Uhr, Mittwoch, 6. und Donnerstag, 7. Mai, 20 Uhr. Zum Spielplan des Staatstheaters Mainz geht es hier, der Premierenvorbericht in der Allgemeinen Zeitung findet sich hier.
*