Ich kann mich noch ziemlich genau an mein erstes Erlebnis mit Frauen erinnern. Eigentlich war es weniger ein Erlebnis, als eine bloße Beobachtung. Ich war damals etwa fünf Jahre alt, vielleicht sechs. Es war der Beginn des Sommers, Mitte Juni, Pfingsten bescherte uns Kindern ein paar schulfreie Tage und endlich, endlich durften wir wieder das tun, worauf wir den ganzen durchfrorenen Winter sehnsüchtig gewartet hatten: ins Schwimmbad gehen.
Und es war herrlich. Mochte meine Mutter noch so schimpfen über die zu hohen Eintrittspreise („Keine Kinderermäßigung, wo gibt’s denn so was!“), den vielen Lärm („Mitten im Industriegebiet ein Schwimmbad, wer hat sich das denn ausgedacht?“), unnötig viele Bademeister („Kein Wunder, dass die uns beim Eintritt so schröpfen, da hat wohl einer gleich ’ne ganze Familie eingestellt!“) oder die völlig überfüllten Liegewiesen (…) – ich war glücklich!
Das Schwimmbad ist ein beinahe heiliger Ort. Schon allein die ritualisierten Vorbereitungen vermochten es, mich jedes Mal von neuem in Verzückung zu versetzen. Ich wusste immer dann, der Sommer würde bald kommen, wenn meine Mutter beim Frühstück mit leicht ungeduldigem Unterton zu meinem Vater sagte: „Ich habe für diese Saison noch gar keinen passenden Bikini.“ Und stets würde mein Vater darauf antworten „dann nimm doch den vom letzten Jahr. Oder den schicken Badanzug, den ich dir damals in Spanien geschenkt habe.“ Meine Mutter würde die Stirn runzeln, irgendetwas von „altmodischem Zeug“ murmeln und das Thema wäre für ein Jahr erledigt. Denn nach seiner Erwiderung war mein Vater sofort wieder mit dem Wirtschaftsteil seiner Zeitung beschäftigt, und meine Mutter fand sich klüger dabei, keine Diskussionen über die Haushaltskasse aufkommen zu lassen.
Zumal sie meinem Vater ohnehin nicht hätte erklären können, warum der Bikini, den sie im letzten Jahr für todschick befunden und mit Begeisterung getragen hatte, in diesem Jahr völlig indiskutabel war. Ich verstand die Bikini-Problematik zwar ebenso wenig, aber ich war ein kleiner Junge und diskutierte nicht mit meiner Mutter, denn alles, was ich wollte, war geliebt zu werden – und das erreicht man bei uns Zuhause am besten, indem man einfach die Klappe hielt. So hatte ich gelernt zu schweigen.
Schweigend stand ich neben meiner Mutter, als sie laut schimpfend den Eintritt bezahlte, schweigend stapfte ich neben ihr den Weg zur überfüllten Liegewiese hinauf und ebenso schweigend breitete ich dort angekommen mein Handtuch aus, legte mich stumm auf den Bauch, die Ellbogen in die Wiese gestützt, den Kopf in den Händen, um die Umgebung mit Blicken zu erkunden. Dabei schwieg ich weiter, schwieg – und lächelte. Meine Mutter hatte für einen Moment aufgehört zu schimpfen, drehte sich um, sah zu mir herab und murmelte „guter Junge“. Dabei strich sie mir über den Kopf. Schweigend hatte ich einmal mehr erreicht, dass ihre Liebe zu mir noch größer wurde. Mit meiner Mutter umzugehen, das hatte ich längst gelernt. Stundenlang schweigen, das war meine leichteste Übung. Und ich wusste, sie war stolz auf mich. Nicht nur, weil ich meinen Namen schreiben konnte, obwohl ich noch nicht in die Schule ging, nein, auch wegen meines Schweigens.
Alle ihre Freundinnen beneideten sie darum. „Dein Kleiner ist so ein angenehmes Kind. Nie macht er Krach. Manchmal vergisst man direkt, dass er ihm Raum ist.“ Und das war gut so, denn nun liebten auch sie mich bedingungslos, ließen mich in ihren Umarmungen ersaufen, den süßen Duft ihre prallen Brüste einatmen, und fütterten mich mit Gummibärchen und Schokolade.
Ich war überzeugt davon, dass Frauen die besseren Menschen sind. Dafür war es natürlich vonnöten, dass sie auch ein bisschen dümmer waren als wir Männer. Denn wenn ich leise war und schwieg, und sie so meine Anwesenheit vergessen ließ, erfuhr ich jedes Mal Dinge, die für meine kindliches Ohren nicht recht bestimmt gewesen waren. Wenn die Frauen dann aber plötzlich aus ihren Tuscheleien aufschreckten, weil sie sich meiner Gegenwart wieder bewusst wurden, lächelte ich, tat nichts, als ein kleines, unschuldiges Lächeln aufzusetzen, das sie wiederum zum Lachen brachte, manchmal auch albern tuscheln ließ; und ich wurde wieder geherzt, geküsst, gefüttert – und anschließend vergessen. Mir war es recht so.
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