Zu Beginn der Sendung wirkt Lehmann wie ein in die Enge getriebenes Kaninchen, unsicher und fast fahrig. Beinahe reflexartig betont der Stuttgarter Keeper, dass sein Verhalten in der letzten Zeit so nicht in Ordnung war, bekennt offen, sein Team am Wochenende in Mainz um zwei Punkte gebracht zu haben. Kerner redet in seiner pseudo-verständnisvollen Art und Weise auf Lehmann ein, duzt ihn penetrant, obwohl der ehemalige Nationalspieler, der allzeit übervorsichtig und sehr bedacht wirkt, ihn förmlich und scheinbar bewusst distanzierend siezt. Natürlich zeigt Sat1 einen Film, in dem der gute Jens Lehmann bei seinen Hilfsprojekten in Afrika und der böse Jens Lehmann, bei seinen Eskapaden auf dem Platz gezeigt wird. Anschließend versucht Kerner, eine Entschuldigung aus Lehmann herauszuschütteln dafür, dass dieser nach dem Spiel in Mainz einem Fan die Brille kurzzeitig abgenommen hatte. Lehmann versucht, sich zu verteidigen, ohne seine Haltung des Bedauerns aufzugeben. Er wirbt um Verständnis dafür, dass auch er „nicht geschult“ sei für eine Situation, in der ein Fan ihn, der völlig unter Druck steht, derart bedrängt. Er versucht, einen Vergleich zu finden, der Kerner einleuchtet, indem er ihn fragt, wie dieser reagieren würde, wenn ihn nach der Sendung im Flur Mitarbeiter ansprächen und heftig kritisierten, dicht an dicht, Gesicht an Gesicht.
Natürlich bringt Lehmann den Moderator mit diesen durchaus nachvollziehbaren Fragen nicht dazu, von seiner Mission abzuweichen – die offenbar lautet, am nächsten Tag in der BILD zu lesen, „Reuiger Lehmann bei Kerner: Ich entschuldige mich beim Brillen-Fan!“ Als ob Sat1 nicht schon genug auf der Haben-Seite hätte dadurch, dass diese Kerner-Folge wohl die mit der bislang besten Einschaltquote gewesen sein dürfte…
Dabei wäre es durchaus interessant gewesen, hätte Kerner sich einmal die Zeit genommen, über Lehmanns Worte nachzudenken (aber das tut er ja auch bei keinem anderen Gast) – denn auch, wenn es unbesehen nicht in Ordnung geht, einem Gegenüber die Brille vom Gesicht zu ziehen, auch wenn Lehmann sich natürlich unglücklich verhalten hat, wird in den letzten Tagen in den Medien vielfach auf eine Art und Weise über ihn geurteilt, die in ihrer barschen Schonungslosigkeit irritiert.
Die Art und Weise, wie sich einige Kameraleute und etliche Fans bei Lehmanns Flucht aus dem Stadion auf den Keeper stürzten, ist mir schrecklich zuwider und ich frage mich ernsthaft, wieso deren Verhalten so wenig thematisiert wurde? Natürlich steht Lehmann in der Öffentlichkeit und in einer solchen Situation besonders im Fokus, aber dennoch steht außer Frage, seine Flucht aus dem Stadion dürfte vor allem eine vor den Medien und im Wunsch nach Privatheit gewesen sein – und das wurde von den Fernsehjournalisten vor Ort bewusst ignoriert. Darauf jetzt reflexartig zu antworten, Medien funktionierten eben so, wäre genauso zu einfach, wie wenn man Lehmanns Verhalten schlicht mit der Feststellung entschuldigen würde, dass er eben ein Torwart ist – die spinnen ja bekanntlich alle.
Ich frage mich also, wie kann Kerner einerseits den Brillenklau als entwürdigend bezeichnen, ohne aber andererseits der Tatsache gewahr zu werden, dass auch das Verhalten entwürdigend war, dem Lehmann sich in diesem Moment ausgesetzt sah? Wer bitte kann denn von sich behaupten, dass er in einer ähnlichen Situation, vollgepumpt mit Wut, Frust und Adrenalin, die Ruhe bewahren würde, wenn ihm sechs oder acht Kameras ins Gesicht gehalten würden und ihm dazu noch fremde Menschen derart nahe kommen, dass man vermutlich erschnuppern könnte, ob sie in der Halbzeit Feuer- oder Bratwurst gegessen haben? Ehrlich gesagt wundert es mich, dass Lehmann nicht richtig ausgerastet ist.
Darüber aber mochte Kerner offenbar nicht nachdenken, sondern glänzte lieber mit verschwurbelten Fragen, wie, „weißt du in jedem Zeitpunkt für wen du kämpfst – und gegen wen du kämpfst? Was dein Kampf des Lebens ist, sozusagen?“, und nutzte zudem offenbar die Werbepause, um Lehmann daran zu erinnern, dass man doch per du ist. Er verschenkte so die Chance auf ein echtes Gespräch mit dem Keeper, das mehr getan hätte, als nur an einer aktuell verschrammten Oberfläche zu kratzen.
In der Berichterstattung über die Causa Lehmann wurde hin und wieder auf Enkes Tod angespielt, darauf, dass nach seinem tragischen Selbstmord überall für einen menschlicheren Fußball geworben worden war, dafür, sich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Einige dieser Berichte legten in vorwurfsvollem Ton nahe, Lehmann habe mit seinem Verhalten gezeigt, dass es mit derlei Anliegen nie besonders weit her gewesen ist, sie im Alltag nicht vorhalten. Seltsamerweise kam dabei nie zur Sprache, dass es ein großer Teil von Enkes Kampf war, sein Leiden von der Öffentlichkeit fernzuhalten – und dass die Bilder von Lehmanns Stadionflucht schmerzhaft dokumentieren, wie schwierig es für einen in der Öffentlichkeit stehenden Menschen ist, selbst zu bestimmen, wo seine Privatsphäre beginnt.
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