Egal ob eine Geschichte, Beziehung oder Lebensphase sich besonders gut oder richtig schlecht entwickelt, irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragt: Wie hat das eigentlich alles angefangen? So wird das emotionale Archiv durchstöbert nach Bildern, Worten und Gefühlen, die der Gegenwart ihre Geschichte geben: Der eine Moment, in dem man sich aus vollem Herzen für diesen Beruf entschied, die Gewissheit, in genau dieser Stadt leben zu wollen, jene Reise, die dem Leben eine andere Richtung gab – oder das zärtlich geflüsterte Bekenntnis, woran man sich beim anderen zuallererst verliebt hat.
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| Der Philipp! Der Philipp! |
Im Bezug auf die Freundschaften, an die mich mein Herz mit jedem einzelnen, stetig sich beschleunigenden Pochen auf dem Weg zum ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2010 intensiver erinnert, kann ich das nicht sagen: Obwohl ich zeitlich in etwa einordnen kann, wann wir aufeinandergeprallt sind, habe ich keine Bilder bestimmter Momente, die sich nach Kennenlernen anfühlen, keine Erinnerung an erste Small-Talks – im Grunde nicht einmal daran, wie wir zusammenwuchsen, und im Lärm des uns umgebenden Lebens feststellten, wie sehr unsere persönlichen Melodien einander glichen.
Alles, was ich sagen kann, ist, irgendwann war es da – dieses unbeschwerte Gefühl von Zusammengehörigkeit im Bauch der Gruppe. Die süße Gewissheit, dass diese große, tiefe Freundschaft außergewöhnlich war – und wir sie dennoch als selbstverständlich begreifen durften. Und die beruhigende Sicherheit, künftig ein Zuhause zu haben, an jedem Ort, der einem von uns je Heimat würde; dabei ist es geblieben.
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| Aus dem Hintergrund müsste… |
Wir waren zehn und wir waren zwölf, wir waren elf und wir waren dreizehn. Frauen und Männer stießen zur Gruppe dazu, weil die Liebe zu einem von uns sie in unsere Mitte spülte – und verschwanden wieder, mal begleitet von Bedauern, mal von Erleichterung. Im tiefen, festen Kern aber sind wir acht plus zwei Halbe geblieben, somit quasi neun (zugleich die fest geglaubte Glückszahl von mindestens Zweien aus unserer Mitte, deshalb umso passender) – und der Sommer 2006 war unser Sommer, unser wochenlanger Höhepunkt, unser Hitzefrei von der Verantwortung des Lebens.
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| … der Philipp schießen! |
Selbst im nostalgischsten Rückblick überlebt das Wissen, es war keine grundsätzliche Unbeschwertheit dieser Zeit, die uns so euphorisierte – denn unbeschwert ist sie im Kern nicht gewesen. Immerhin, das Studium lag uns teils bereits in der Vergangenheit, Tastaturen glühten unter Bewerbungen und Anschreiben, unsere Köpfe von der Vorbereitung auf Auswahlverfahren oder den Problemen individueller Beziehungen. Familien wurden von Schicksalsschlägen erschüttert, unser unverrüttbares Vertrauen in uns selbst und einander auf die Probe gestellt. Wie ein frisch aus dem Nest geplumpster Vogel, der nun neugierig von Baum zu Baum flattert, setzte Einer Woche um Monat neue Frauen in unsere Mitte und eine Liebe, die haltlos sich verpochte, machte Fronten auf, wo wir geschlossen stehen wollten. Eine Krankheit drohte, von der wir noch nichts wussten, neun Leben warteten, auf die wir neugierig waren, doch die uns zugleich bange werden ließen – und in diesem lebendigen Chaos trugen wir uns selbst und einander durch die gemeinsame Heimat spazieren.
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| Ist es ein Junge? Ist es ein… |
Woche um Woche, Tag um Tag, rückte dabei das große Fußballfest näher – und so sehr uns die Zugehörigkeit zu Bundesligavereinen trennte, einte uns die Liebe zu diesem Sport. So flogen unzählige Mails wie sanft getretene Pässe zwischen uns, ließen wir uns ein auf die Vorfreude und Begeisterung, und waren verschworen in der Begeisterung für die WM. Vor dem ersten Spiel saßen wir Sandwich kauend und Herzschläge zählend beieinander, bewegten uns schließlich, die Fahnen noch deutlich ungelenk in den Händen und über den Schultern, zum ersten gemeinsamen Leinwandstarren, und fielen uns atemlos und ungläubig in die Arme, als Philipp Lahm in der Hitze eines Sommernachmittages das erste Tor der WM schoss. Alles war Taumel, Staunen und Freude, wir waren alle und alles war gut.
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| ... Mädchen? Es ist ein Tor! |
Denke ich an den WM-Sommer 2006, erinnere ich die Hitze, die uns tagsüber die Haut verbrannte, und mit dem Einbruch der Dunkelheit die Sommernächte lau färbte. Ich denke an S-Bahnfahrten zu umspannenderen Leinwänden in größeren Städten, an Sonne, die sich in Rhein und Main bricht oder unseren Brillen spiegelt. Ich erinnere Musik, die jede Straße zu erfüllen schien, schimmernde Becks-Flaschen, von denen wir zu Unzeiten die Korken ploppen ließen, Begegnungen mit Fans aus aller Welt. Mein Herz genießt den Rückblick auf meine Stadt im Ausnahmezustand, auf Fußballabende in großen, über Ecken verbandelten Gruppen, die zusammenwuchsen an diesem Ereignis. Ich denke an überraschende, stille Momente, erinnere mich an ungezählte Beine, die beim erlösenden Tor im Spiel gegen Polen beinahe synchron vor dem Sofa ins Spalier springen, an Umarmungen, heimlich getauschte Küsse, begeisterte nächtliche Züge durch die niemals ruhende Stadt – und eine Euphorie, die alles andere anhielt, für einen langen, unvergesslichen Moment.
Vor allem aber denke ich an siebeneinhalb-einhalb Menschen, die mein Leben verändert haben; denen ich so viel zu verdanken habe; mit denen mich Freundschaften verbinden, die in ihrer Intensität ebenso wie ihrem Charakter unfassbar verschieden sind – doch von denen ich keine je missen möchte; an denen mein Herz wachsen durfte und meine Seele sich anlehnen.
Daran werde ich denken, und darum werde ich hüpfen, bei jedem „unserer“ Tore in den kommenden Wochen. Damit es die Jogi-Elf ins Finale schafft – und meine persönliche neuneinhalb aus diesem Anlass vor eine Leinwand. Noch vor dem Herbsttreffen, das hoffentlich so unvermeidlich ist wie in den letzten Jahren; das wünsche ich mir. Immerhin – der Name verpflichtet. Und ich bin nicht umsonst die Nostalgiebeauftragte.
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