![]() |
| Manches hört man auch, ohne darauf zu achten. (Foto: Marieke Stern) |
Letzteres gilt speziell für die „Ihre-Umgebung-Vergesser“,
die an Orten wie öffentlichen Toiletten oder in jedem anderen Kabinen-Umfeld
anzutreffen sind: Schwimmbad, Kaufhaus, Physiotherapie. Während die
Unterhaltung mit der besten Freundin von Schwimmbadkabine zu Schwimmbadkabine
meist inhaltlich ohne Aufreger ist, sieht die Sache in der vermeintlichen
Vertrautheit einer Behandlungskabine beim Physiotherapeuten schon anders aus.
Geschenkt die Frage, warum Menschen in dieser Situation überhaupt ihre Seele
sperrangelweit aufreißen und Privates bereitwillig preis geben – vielleicht
verwechselt der eine oder andere Physio- mit Psychotherapeuten oder reagiert
einfach auf Berührung mit Kommunikation. Aber wie soll ich mich unterm
Rotlicht entspannen, wenn die Dame in der Nebenkabine
lautstark über ihre sexuelle Unausgeglichenheit philosophiert und abschließend
bemerkt: „Mein Mann sagt ja, ihn stört’s, dass ich mich net rasier, aber des
ist mir zu blöd.“
Die „Mithörer-Lautstärke-Sprecher“ sind immer und überall
unter uns und teilen sich weiter auf in jene, die gehört werden wollen und
solche, denen es egal ist, ob sie gehört werden oder nicht. Derzeit ist die
erste Spezies wieder auf Sommerfesten aller Art, öffentlichen Plätzen und im
Straßencafé um die Ecke anzutreffen, wo sie ihrer geduldig lauschenden
Begleitung Geschichten darüber am Ohr vorbei trompetet, wie großartig sie ist.
Was sie Tolles leistet. Und dabei gerne die Unterbelichtung anderer Menschen einbezieht,
zum Beispiel, „diese unfähige Kellnerin, die keinen Kaffee ohne Geschlabber an
einen Tisch bringt“. Worauf sie – und das ist ihre unangenehmste Eigenschaft –
beifallheischend den Sitznachbarn zunickt und auf deren Bestätigung wartet.
Klassiker im Falle der zweiten Spezies sind Streitgespräche am Handy, gerne in
Bus und Bahn, die häufig auf den Satz enden: „Ich schreie üüü-ber-haupt-nicht.“
Ein wenig vom Pech verfolgt sind die „Schrei-Flüsterer“,
deren eigene Ungeschicklichkeit häufig von einer guten Portion Pech begleitet
ist. Sei es an der Kasse im Supermarkt, wo sie ihrem Liebsten mit viel zu viel
Druck auf den Stimmbändern mitteilen, „das vorhin am Weinregal war doch die
Kollegin, die so stinkt“ – wobei nicht nur die Kassiererin neugierig ihren
Blick hebt, sondern besagte Kollegin mittlerweile garantiert in Hörweite steht.
Oder wie kürzlich beim Friseur, als sich eine Kundin schrei-flüsternd mit ihrer
Stylistin darüber unterhielt, wie unmöglich viele der Salon-Kolleginnen frisiert
seien. „Das ist doch komisch, wenn ausgerechnet ein Friseur mit so Kraut auf
dem Kopf rumläuft“, wundert sich die Dame unterm Lärmen des Föns nicht
annähernd so diskret, wie sie glaubt. Richtig peinlich wird es, als
dessen Gebläse plötzlich für die Kundin unvermutet abbricht, mitten in ihren
Vergleich: „Das ist ja wie eine Klofrau, die immer nebendran scheißt.“
Fremdschämen deluxe.
*
