Donnerstag, 18. Mai 2006

Rot wie die Liebe


Was im Finale der Champions League zunächst aussah wie die dunkelste Stunde der neuen deutschen Nummer Eins erscheint bei näherem Hinsehen beinahe magisch: Es war ganz erstaunlich, was gestern Abend auf dem französischen Fußballrasen geschah und von den Fernsehzuschauern auf der ganzen Welt beobachtet werden konnte.

Damit meine ich natürlich nicht den Sieg des FC Barcelona, denn von all den Ereignissen des Abends war dies wohl am vorhersehbarsten. Auch von der roten Karte gegen Jens Lehman spreche ich nicht, zumindest nicht direkt – wohl aber von ihrer überraschenden Folge: der Menschwerdung des neuen deutschen Nationalkeepers.
Mal ehrlich, was wissen wir schon über Jens Lehmann, abgesehen vielleicht von seinen Stationen in der Bundesliga? Nicht viel. In der Torwartfrage erschien er bis zur Sekunde seiner Nominierung irgendwie unauffällig, lächelnd saß er auf der Bank des deutschen Teams, mit dem selben Lächeln und großer Geduld beantwortete er die sich wiederholenden Fragen der Journalisten. Mal lachte er auch, manchmal schien er ein wenig bissig – mehr war da nicht.

Ganz anders Oliver Kahn. Held der WM 2002, gefeiert, verehrt und gesetzt von seinen mächtigen Bayernfreunden, scheinbar auch dem halben WM-Komitee und natürlich der Deutschen täglichem Boulevard-Organ. Über ihn wissen wir alles: die Ehe, die Kinder, die Affäre. Simone, Verena, Boot hier, Yacht da, bissige Reklamen, Flüche, Wutausbrüche, Baseballkäppi. Zurück zur Frau, zurück zum Liebchen, München, High Society, P1 und Schampusparty.

Das ist natürlich völliger Unsinn. In Wahrheit wissen wir über Oli Kahn keinen Deut mehr als über Jens Lehmann, abgesehen von den gut portionierten Informationshäppchen, mit denen in den letzten Jahren nach uns geworfen wurde. Dadurch aber haben wir ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn wir an ihn denken. Und, was viel wichtiger ist: ein Gefühl im Bauch.

Das muss noch nicht einmal positiv sein, es hilft so oder so dabei, sich eine Verbindung zu diesem Menschen zu basteln. Den Eindruck zu bekommen, etwas von ihm zu wissen, ihn einschätzen zu können. Egal, ob wir ihn deswegen dann verehren oder verachten.

Dieses Gefühl hat uns für Jens Lehmann bisher gefehlt. Obwohl die Nominierung der neuen deutschen Nummer Eins von den Fans sehr positiv aufgenommen wurde, war der Mann im Arsenal Trikot uns irgendwie fern. Begeistert verfolgten wir seine Triumphe in der europäischen Königsklasse und freuten uns über jeden gehaltenen Ball – aber wir konnten nicht mit ihm mitfühlen. Er war zu weit weg. Mit ihm hatten wir noch nichts Gemeinsames erlebt.

Bis zu dieser schicksalhaften 18. Minute im gestrigen Finalspiel. Dem Moment, als Lehmanns Hände schneller waren als sein Kopf, als wir seinen absoluten Willen spüren konnten, diesen Ball zu halten, seinen Ehrgeiz zu siegen. Und dann der Schock. Die fest vor das Gesicht gepressten Hände. Sein ungläubiges Gesicht. Kein deutscher Fan kann sich in diesem Moment ernsthaft dafür interessiert haben, ob die Karte berechtigt war. Ein Aufschrei ging durch die Wohnzimmer der Republik. 23 Tage vor der WM stellt ein Schiedsrichter unseren Nationaltorwart vom Platz? Frevel!

Die Jungs begannen heftig zu diskutieren, in uns Frauen regte sich wild und wütend das Herz für den traurigen Helden. All diese sind ihm gestern Abend zugeflogen – und die Sympathien der Männer hinterher. Wer denkt, dass diese rote Karte Jens Lehmann Schaden zugefügt hätte, der irrt sich gewaltig. Auf seiner langen Reise ist unsere Nummer Eins endlich da angekommen, wo er hingehört: in den Herzen der Fans.

Danke Terje Hauge!


*



 

kostenloser Counter