Als meine Oma starb, war ich neun Jahre alt und der Sommer stand vor der Tür. Sie war zuvor lange krank gewesen und irgendwann konnten die Ärzte nichts mehr für sie tun, also holte unser Opa sie zum Sterben nach Hause. Der Tod ließ sich nicht mehr viel Zeit, noch einmal Ostern, einen Muttertag und ein paar Morgen in Richtung Sommer, dann hatte er sie geholt. Am Tag vor der Beerdigung war ich mit meiner Mutter im ortsansässigen Kaufhaus, denn ich hatte einen Wachstumsschub hinter mir und brauchte neue Hosen. In jenem Jahr waren Overalls furchtbar in, meine Eltern hatten endlich eingewilligt mir einen zu kaufen – und nun fiel meine Wahl auf einen dunkelblauen, mit weißen und rosa Tupfen. Auf die Nachfrage meiner Mutter, ob es nicht lieber ein bunter sein sollte schüttelte ich den Kopf und erklärte, diesen könne ich auch zu Omas Beerdigung tragen.
„Du gehst nicht mit auf die Beerdigung!“, entsetzte sich meine Mutter. So selbstverständlich wie ich geglaubt hatte, mitzudürfen, hatte sie das Gegenteil beschlossen. Das wollte ich nicht akzeptieren und protestierte gegen ihre Entscheidung – umsonst. „Kinder haben da nichts verloren“, erklärte sie schlicht. Und während tags darauf meine Großmutter in die Erde herabgelassen wurde, mussten meine Schwester und ich mit meiner Schulfreundin Susanne ins Schwimmbad. Dort saß ich mit wütend vor der Brust verschränkten Armen unterm Birnbaum und ging den ganzen Tag nicht ins Wasser.
Im gleichen Jahr starb meine Uroma. Mein Großvater rief an einem Sonntagmorgen bei uns an, um es uns mitzuteilen und ich nahm seinen Anruf entgegen. Da meine Mutter und ich wohl ähnlich klangen am Telefon sagte er: „Deine Oma ist tot.“ „Ich weiß!“, antwortete ich verwirrt und fürchtete, mein Opa würde senil. Als ich erfuhr, was wirklich passiert war und hörte, meine Mutter würde zu Opa fahren, um mit ihm auf das Beerdigungsinstitut zu warten, wollte ich unbedingt mit. Dass meine Uroma, obwohl sie nicht mehr lebte, noch bei sich daheim im Bett lag faszinierte mich – eine Tote hatte ich bisher noch nie gesehen und war erfüllt von kindlicher Neugierde. Doch meine Mutter wollte nichts davon hören, weil sie fand, Tote seien nichts für Kinder – ebenso wenig wie Beerdigungen. So durfte ich nicht mit, auch nicht, als meine Oma wenige Tage später zu Grabe getragen wurde.
Warum das so war, konnte ich nicht begreifen. Wenn ein Mensch, den wir Kinder kannten, starb, erklärte man uns, der Tod gehöre – obgleich er es beendete – zum Leben dazu. Wir hörten die Geschichte von Jesu Tod, von der Auferstehung und vom Himmel, wohin Gott die Toten rief. Wir erfuhren, dass zwar der Körper eines Toten der Erde übergeben wird, der Mensch selbst aber zu Gott heimkehrt, wenn er stirbt. So kam es, dass der Tod uns als Mädchen keine Angst machte. Obwohl wir traurig waren, die Verstorbenen auf der Erde zu verlieren, fanden wir Trost in dem Glauben daran, dass es ihnen dort, wo sie nun waren, gut ging. Wenn aber der Tod ganz natürlich war, wie konnte es dann sein, dass man uns so davon abschirmte?
Als kurze Zeit nach meiner Uroma der pensionierte Pfarrer unserer Gemeinde starb, wurde eine große Beerdigung mit Messe und anschließender Prozession zum Friedhof organisiert – und ich wollte unbedingt dorthin. Ich schwindelte also meine Mutter an, dass ich mit einer Freundin verabredet sei, und schlich in die Stadt, um heimlich zu der Beerdigung zu gehen. Gebannt lauschte ich dort inmitten der schwarz gekleideten Menschen dem Pfarrer, und mit einem Gefühl feierlicher Ernsthaftigkeit folgte ich anschließend dem Tross, der hinter dem schweren Holzsarg zum Friedhof lief.
Aus dem Nichts tauchte da plötzlich meine Mutter auf, entdeckte mich, ebenso wie ich sie – und ihr Gesicht verriet die Wut, die bei meinem Anblick in ihr aufflammte. Mir stieg hitzig die Angst in die Wangen, doch die Anwesenheit mehrere hundert Trauergäste rettete mich vor der erwarteten Standpauke. Mein Schrecken aber saß tiefer als die Neugierde, und so floh ich nach Hause, ohne gesehen zu haben, wie der alte Pfarrer in seine Grube herabgelassen wurde. Meine Mutter sprach mich nie auf den Vorfall an, sie verbot mir aber auch nie wieder, auf eine Beerdigung mitzukommen – so hatte ich das Gefühl, als Siegerin aus der Sache herausgegangen zu sein.
Das relativierte sich, als wenige Jahre später meine Ziehoma starb und mir verboten wurde, noch einmal von ihr Abschied zu nehmen, in aufgebahrtem Zustand. Diesen Anblick wollte man mir ersparen, so die einhellige Meinung der Erwachsenen. Dass man mir damit nicht nur den Anblick der Toten ersparte, sondern auch die Möglichkeit nahm, noch einmal alleine Zeit mit ihr zu verbringen, mich zu verabschieden, ließ niemand gelten. Vor der Beerdigung bläute mir meine Mutter ein, beim Weinen nicht zu laut zu werden und vor allem nicht hysterisch, sonst müsse ich die Kirche verlassen. Während des Gottesdienstes heulte ich erschüttert in eine Hand voller Taschentücher, die meine schmerzlichen Schluchzer abdämpften.
Der Tod gehört zum Leben, auch wenn er das des Sterbenden beendet – so wurde es mir als kleinem Mädchen erklärt. Aber das, was die Erwachsenen erzählten, blieb bloß graue Theorie, weil ich vom Tod selbst ferngehalten wurde, bis ich das „richtige Alter“ hatte, um ihm erstmals in den offenen Schlund zu starren. Und selbst, als ich schließlich auf Beerdigungen mitgehen durfte, blieben da unzählige Regeln: nicht reden, keine Fragen stellen, nicht zu nahe an den Sarg, nicht zu nahe an das Grab, bloß nicht zu laut weinen und nein, du darfst die Tote nicht noch einmal sehen – „das ist bei uns so nicht üblich“.
Kinder werden von Beerdigungen ferngehalten, weil sie diese Regeln noch nicht verstehen – sie könnten in der Kirche mit ihren kleinen Füßen scharren oder zu laut eine brennende Frage stellen, könnten auf dem Friedhof ihre hellen Stimmen erheben, wenn alle außer dem Pfarrer schweigen, könnten Durcheinander bringen in die Ordnung der Trauer. Beim Umgang mit dem Tod aber ist vielen Menschen diese Ordnung ganz besonders wichtig. Und das schließt schließlich nicht nur Kinder aus, sondern auch jede Form von Drama, jede Abweichung von der Norm, jedes ungeplante Geräusch.
Hinter all diesen Vorschriften versteckt sich die Angst der Menschen vor der eigenen Sterblichkeit, der die Gesellschaft nur begegnen kann, indem sie den Umgang mit Sterben und Tod in feste Regeln gießt – und dabei in jedem Moment Anstand und Form bewahrt. Wir haben uns daran gewöhnt, unseren Toten die letzte Ehre zu erweisen, ohne ihnen dabei ein letztes Fest zu geben. Wir sitzen nicht tagelang weinend und wehklagend um den Sarg, wie es in anderen Kulturkreisen üblich ist, wir beerdigen unsere Verstorbenen unter blickdichten Deckeln und lauschen der Trauerrede – Standardrepertoire, das sich mit ein paar Lebensdaten mischt.
Man könnte diese Stille Andacht nennen und sie mit lähmender Trauer erklären, aber in Wahrheit liegt ein betretenes Schweigen darin und großes Unwohlsein. Beides führt nur dazu, dass auf Trauerfeiern zu viel gesoffen wird und Männer, die ihren Frauen jahrelang nicht mehr unter den Rock gelinst haben, diese nach einer Beerdigung auf dem Rücksitz des Familien-Volvo vernaschen, um im Angesicht des Todes die eigene Lebendigkeit wieder zu spüren. Weil beides weniger weh tut, als eine emotionale Auseinandersetzung mit dem, was uns allen einmal blüht: dem Sterben! – sei es das eigene oder das eines geliebten Menschen.
Doch diese Konfrontation halten wir nicht aus und umgehen sie deshalb, im Irrglaube, es sei leichter, sich der Trauer zu verweigern denn zu stellen. Und damit betrügen wir vor allem uns selbst, weil wir uns um einen Abschied bringen, der wenigstens etwas Löschwasser in den ersten brennenden Schmerz gießt – und den wir so tief und ehrlich empfinden können, wie eine ganz bewusste letzte Umarmung.
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