Donnerstag, 19. Juni 2008

Meine kleine Schwanger-Schwester

Du liegst neben mir auf der Couch – und in diesem Moment gibt es auf der ganzen Welt kein Geschöpf, das ich lieber habe als dich. Und vermutlich ist das immer so gewesen… Du bist der Mensch, der immer da war. Na gut, die ersten 32 Monate meines Lebens musste ich ohne dich auskommen, aber da war ich ja noch allzu klein, und es gab auch alleine eine Menge zu entdecken. Dann aber warst du da – und ich von der ersten Sekunde an uneingeschränkt begeistert.

Die Fotos von damals zeigen dich, mit dicken Backen und blonden Locken, und mich, mit einem Lachen, das nur halb so strahlend war, bevor du angekommen bist. Manchmal wirkst du ein bisschen gequetscht und nicht immer komfortabel unter meinen liebevollen Küssen. Auf einigen Bildern schleife ich dich hinter mir her, um dir etwas zu zeigen, aber immer sind die dicken, warmen Umarmungen auch vorsichtig.

Als wir beide älter wurden, hat es immer öfter gekracht zwischen uns. Tut es manchmal noch. Wir hatten es nicht immer einfach, als wir versucht haben, in dem Chaos daheim groß zu werden – und es hat ein wenig gedauert, bis wir begreifen konnten, dass wir besser klar kommen, wenn wir zusammen halten, anstatt gegeneinander zu gehen.

Als ich mit 16 Jahren zehn Monate lang weg war, weit, in Amerika, hast du mir die allerputzigsten Briefe geschrieben – und ich dich so vermisst. Schon kurz danach ist unsere Welt aus den Angeln gebrochen, doch wir konnten uns nun aneinander festhalten, an der Krise wachsen, auch zusammen. Wir sind sehr weit gekommen. Waren uns dabei niemals ähnlich. Doch immer nah. Jede hat Spuren ihres Glücks gefunden, mittlerweile. Wir wissen immer, was wir an der anderen haben – und können doch bei Meinungsverschiedenheiten übereinander herfallen wie die sprichwörtlichen Brunnenputzer.

Kinder sind wir längst nicht mehr. Doch nun trägst du eines in deinem dicker werdenden Bauch. Einen kleinen XS. Dein Glück strahlt auf mich ab und kommt zu dir zurück, als mein Lächeln es reflektiert. Ich darf deinen Bauch anfassen, horchen, ob uns XS schon eine Mitteilung zu machen hat. Ich schubse mit dem Finger vorsichtig in deine Babyplauze und kündige dem Kleinen an, dass ich ihn mit ins Fußballstadion nehmen werde.

Dein Baby hat dich weicher gemacht, schon bevor es auf die Welt gekommen ist. Es hat uns bereits in dieser kurzen Zeit der Schwangerschaft so viele glückliche Momente beschert. Öfter erklingt nun wieder dein Lachen und ich stelle fest, wie witzig du sein kannst, entdecke überhaupt lauter Seiten an dir, von denen ich schwören könnte, dass es sie bis eben noch nicht gab.

Jetzt liegst du neben mir auf der Couch, wie früher, als wir beide kleine Mädchen waren. Ich bin von allem hier so gerührt. Dein XS hat mir eben ins Ohr getreten, als ich dir in den Bauch gehorcht habe. Und ich bin so stolz auf dich, dass ich platzen könnte. Kleine Mama, kleine Schwester, großes Herz!

[Mai 2006]

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