Fußballtechnisch gesehen ist mein Freundeskreis durch und durch verseucht. Da tummeln sich Anhänger des 1. FCK ebenso wie Fans von Borussia Mönchengladbach, überleben Liebhaber der Frankfurter Eintracht neben Vereinsmitgliedern des Kölner FCs. Und das Ende jeder Saison läuft nach dem gleichen Schema ab, ein paar können sich schon früh erleichtert zurücklehnen, andere zittern bis zum Schluss um Auf- oder Abstieg – und die letzten vier Spieltage lügt jeder jedem in die Tasche.
„Ihr schafft das noch!“, muntern wir uns gegenseitig auf, obwohl Punktestände erreicht sind, bei denen sich selbst der eingefleischte Fan ein wenig seiner Rechnerei schämt. Und wenn es bei Zweien noch direkt gegeneinander geht, so wie letztes Jahr im Abstieg bei Köln und Lautern, nickt man auf die flehende Frage, „gell, im Zweifel hältst du doch zu uns?“, treu in beide Richtungen. Am Ende wissen wir alle, es geht uns nur um eines: den eigenen Verein. Die anderen beobachtet man mit gewisser Sympathie, solange sie einem nicht gefährlich werden, am Ende ist ihr Schicksal aber vollkommen schnuppe.
Keiner meiner Freunde hat nach dem letzten Wochenende zu mir gesagt, dass die Mainzer den Klassenerhalt jetzt noch schaffen werden – stattdessen habe ich relativ häufig zu hören bekommen, ein Abstiegt sei nicht das Ende. Die 2. Liga, auch wenn man dorthin zurückkehrt, nicht die Hölle. Und ein Wiederaufstieg – natürlich – möglich. Was das bedeutet weiß ich sehr wohl, nämlich, dass sie alle den FSV aufgegeben haben.
Wer in der Sache noch drin steckt weiß, die Hoffnung ist ein Muskel, der bis zuletzt zuckt. Wer die Tabelle beobachtet hat in den letzten Wochen weiß aber auch, dass ein paar Blicke in Liga Zwei nicht schaden können – und sei es, um sie sich vorsorglich schönzureden.
Auswärts ist jetzt vor der Haustür
Es fällt auf bei der Betrachtung der Liga für die neue Saison, dass enorm viele Teams aus einem engen Radius zusammengekommen sind. Aus der Regionalliga Süd steht der SV Wehen als Aufsteiger fest – bei Spielen gegen den Nachbarn sind die Auswärtsfahrten von der Anreise her quasi mit Heimspielen gleichzusetzen. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht mit 10.000 Fans in Konvois über die Brücke pilgern, um unsere Punkte nebenan abzuholen.
Auch Hoffenheim und Koblenz (vorausgesetzt, die halten die Klasse) sind ein Klacks, Köln und Kaiserslautern erfreuen den geneigten Zweitligafan mit tollen Stadien und wenn man doch mal Lust hat auf eine Auswärtsfahrt im Stile eines Tagesausflugs: einfach weiter die Daumen für St. Pauli halten, denn im Moment schaut es gut aus mit der Rückkehr aus der Regionalliga Nord.
Fans mit Herz, Anhänger mit grünem Sommerschal
Als ich mich vor zehn Tagen zum Heimspiel gegen Hannover 96 ins Stadion aufmachte, war mein Kopf übervoll mit Gedanken über das Schicksal meiner Mannschaft. Würde den Buben der wichtige Heimsieg gegen Hannover gelingen? Wie mag wohl die Stimmung im Team sein und was fahren die Ultras heute auf, um die Mannschaft anzufeuern? Neben mir stapfte ein Pärchen den Berg hinauf, deren Gedanken mit ganz anderen Problemen voll waren.
Sie zu ihm: „Weißt du, ich hasse es ja, dass es keine Sommerschals gibt. Immer muss man bei den Temperaturen unter den Dingern schwitzen!“ – und hielt dabei anklagend ihren Fanschal in die Höhe. Statt des von mir erwarteten Spotts ihres Mannes, stimmte der ihr zu und setzte sogar noch eins oben drauf, indem er befand: „Außerdem versteh ich nicht, wieso es Schals immer nur in Vereinsfarben gibt. Ich hätte gerne einen in grün, der passt farblich besser zu meiner Sportjacke.“
Die Pest des Erfolgs sind Modefans und andere Opportunisten, denen der sportliche Erfolg des Vereins eigentlich vollkommen egal ist. Sie tauchen nur einfach überall auf, wo die Sonne gerade besonders hell scheint, sagen Sätze wie, „der Fabian Gerber hat so eine hübsche Frisur, das ist unser persönlicher Thorsten Frings“, und kommen nicht ins Stadion, wenn das Wetter aussieht, als könnte es demnächst umschwingen. Und die werden sich in der 2. Liga sicher alle verabschieden und das Dauerkartenfeld wieder denen überlassen, die seit Jahren am Verein interessiert sind, aber in den Lostrommeln der letzten Jahre weniger glücklich waren. Juchu!
Aufstieg gibt’s nur in der Zweiten Liga
In der 1. Liga zu sein bedeutet, eine große Verantwortung zu tragen, nämlich jede Saison aufs Neue den Klassenerhalt klarzumachen. Wenn man erstmal ein gewisses Maß an Erfolg erreicht hat, wird allgemeinhin erwartet, man möge es halten oder toppen – und wenn das nicht eintritt, stellt sich schnell Unzufriedenheit ein. Für einen Verein wie Mainz 05 bedeutet die 1. Liga 34 Spieltage Kampf um den Klassenerhalt.
Natürlich redet man sich das als Fan zwischendurch gerne schön und träumt von größeren Zielen, aber die sind erst nach einer konstanten Weile im Oberhaus zu erreichen – und bis dahin müssen eben kleinere Brötchen gebacken werden.
Anders in der 2. Liga, wo ein Verein wie der unsere den Abstieg nicht fürchten muss, aber wieder vom Aufstieg träumen darf. Da liegt die Zukunft vor uns wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, ist wieder alles möglich. Vor allem, wenn sich – was man als Fan ruhig hoffen darf – der gefürchtete Ausverkauf des Teams eben nicht einstellt, sondern man würdig und halbwegs geschlossen den Gang nach unten antritt, im festen Glauben an eine neue Chance. Und den einen Moment im Herzen, als in der Saison 2003/2004 bei Abpfiff endlich alles klar gemacht war – und sich unser aller Traum erfüllte.
Die Hölle ist da, wo wir nicht sind
Eine 2. Liga mit dem 1. FSV Mainz 05 wäre allein deswegen nicht die Hölle, weil die immer da ist, wo wir nicht sind. Unser Risiko ist also auch so etwas wie die Chance dieser Liga. Um die jeder Mainzer Fan sie aber nach wie vor gerne bringen würde, denn es gilt: Wir müssen unsere beiden letzten Spiele (hoch) gewinnen. Aachen muss dieses Wochenende Wolfsburg daheim schlagen. Und beide müssen ihr Saisonendspiel verlieren.
Dann steigen sie ab – und wir bleiben drin. Klar traut uns das gerade keiner mehr zu. Aber genau deswegen ist immer noch alles möglich. Denn: Aufgestiegen sind wir auch in der Saison, als es uns längst keiner mehr zugetraut hatte. Und auch damals war es Aachen, wo man in die Röhre schaute. Außerdem hätte Wolfsburg schon in der letzten Saison absteigen müssen.
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